Die Krippe von Wietzendorf in der Basilika Sant´ Ambrogio in Mailand

Als ich im Mai 2026 beim Besuch der Mailänder Kirche, die nach dem Stadtpatron Sant´ Ambrogio genannt wird, an das vordere Ende des rechten Seitenschiffs ging, machte ich eine überraschende Entdeckung: Ein bewegendes und eindrucksvolles Kunstwerk, die „Krippe von Wietzendorf“ ist dort dauerhaft ausgestellt. Die Schöpfer waren italienische Militärinternierte. Soldaten, die sich nach dem Waffenstillstand Italiens im September 1943 geweigert hatten, für die Nationalsozialisten oder den faschistischen Marionettenstaat von Mussolini weiterzukämpfen. Zur Strafe wurden sie unter erbärmlichen Bedingungen in deutsche Lager deportiert.
Erstaunen nicht nur darüber, dass zur Maienzeit eine Krippe zu sehen ist, sondern vor allem wegen der Darstellung der biblischen Figuren und der Materialien, die zum Bau verwendet worden sind.
Die Symbolik:
- Maria, Josef und Jesus werden nicht in einem idyllischen Stall dargestellt, sondern wirken wie Mitgefangene.
- Anstelle einer lieblichen Landschaft sieht man Baracken, Wachtürme und Stacheldraht.
- Die Botschaft: Für die hungernden und frierenden Lagerinsassen war der Bau der Krippe ein Zeichen des Widerstands. Sie wollten demonstrieren, dass ihre Menschlichkeit und ihr Glaube nicht gebrochen werden konnten.
Die Baumaterialien:
- Holzreste von Barackenbetten
- Blechdosen
- Stoffreste alter Uniformen
- Stacheldraht für den Stern und die Umrahmung der Szene
In der kommentierenden Beschreibung an der Seite des Kunstwerks lese ich folgenden Text: „1944, Konzentrationslager Wietzendorf, Norddeutschland. Es ist der zweite Winter für 6000 in diesem Lager internierte italienische Soldaten, ursprünglich für Polen und Russen als Zwangsarbeitende errichtet, dann von zwei Sanitärkommissionen für unbewohnbar erklärt, aber offensichtlich geeignet, um unsere Soldaten seit dem Herbst 1943 einzusperren. Die Lebensverhältnisse waren bestialisch: Verschmutzte Unterkünfte, eisige Kälte, kein Licht, extreme Feuchtigkeit, schlechte Nahrungsversorgung. Die Folge waren Krankheiten, Unterernährung und für viele der Tod. (…) Jede Form der Aktivität (intellektuell, künstlerisch, handwerklich) war eine verbindende Klammer zum Überleben. Pietro Testa, Offizier und Leiter der Gefangenengruppe, beschrieb das Projekt der Krippe am Vorabend des Weihnachtsfests 1944 folgendermaßen Mit der Hilfe des heiligen Geistes bauen wir diese Krippe. Sie ist ein Sinnbild für unser Weihnachten. Seid bereit für die heilige Nacht. “

Die Krippe ist eine bewusste Verbindung zwischen dem biblischen Geschehen und dem Leid der Gefangenen. Diese bildeten einen Querschnitt der italienischen Bevölkerung: In der Mehrzahl gläubige Menschen, jedoch auch Angehörige anderer Weltanschauungen. Sie alle einte der Wille und die Hoffnung zu überleben sowie die Ablehnung des Kriegsdienstes für die Mussolini-Faschisten. Nach der Befreiung und dem Ende des Krieges gelang es den Überlebenden, die Krippe nach Italien zu bringen. Sie wurde der Basilika Sant’Ambrogio anvertraut, da der Heilige Ambrosius der Schutzpatron Mailands ist und die Kirche traditionell ein Ort des Gedenkens an die Gefallenen und Kriegsopfer ist.
Jeder Besucher der Kirche, der vor dieser Krippe steht – auch derjenige, der wie ich nicht der katholischen Kirche angehört – , wird wohl von diesem Werk der Menschlichkeit, der Hoffnung und dem Mut zum Widerstand bewegt sein. Ein Zeugnis, das uns in unserer antifaschistischen Haltung und unserem Eintreten gegen jede Form des Faschismus bestärken kann.
