Autor: admin

  • Ein Bundespräsident, der im Jahr 2000 eine Rede hielt, die aktueller denn je ist

    Der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau hat anlässlich der Verleihung des „Hans Böckler Preises 2000“ am 13. Oktober 2000 in Potsdam eine Rede gehalten, deren Lektüre zu zwei Schlussfolgerungen führt:

    1. Vor 25 Jahren gab es offensichtlich auch in Regierungspositionen noch Politiker, die das Rückgrat besaßen und den Mut hatten, eine neoliberale, verfehlte Sozialpolitik zu kritisieren.
    2. Hätte Johannes Rau seine Rede heute gehalten, so wäre sie – abgesehen von marginalen Änderungen der Formulierung – brandaktuell und eine Philippika gegen den skandalösen Angriff der Bundesregierung auf den Sozialstaat.

    Im Folgenden könnt Ihr den Text der Rede mit einem kurzen Vorwort von Christoph Habermann lesen. Christoph war ein enger Mitarbeiter von Rau im Bundespräsidialamt und engagiert sich heute u.a. in der Friedensbewegung. Sein Beitrag ist zum ersten Mal am 22. April 2026 im Blog der Republik erschienen und wir danken ihm für die Möglichkeit, ihn hier zu veröffentlichen.

    Bildquelle: Roland Gerrits / Anefo, CC0, via Wikimedia Commons


    Rede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Verleihung des „Hans-Böckler-Preises 2000“ in Potsdam
    am 13. Oktober 2000


    www.blog-der-republik.de/rede-von-bundespraesident-johannes-rau-anlaesslich-der-verleihung-des-hans-boeckler-
    preises-2000-in-potsdam-am-13-oktober-2000/


    Eine Erinnerung aus gegebenem Anlass der aktuellen Diskussionen über Rente, Gesundheit, Pflege und die Zukunft des Sozialstaats, Verfassungsprinzip des Grundgesetzes.


    Diskussionen über die Zukunft von Gesundheit, Rente, Pflege und Steuerpolitik bestimmen seit Monaten die öffentliche Debatte. Die meisten Forderungen, Argumente und Behauptungen sind nicht neu. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten für Beschäftige und Unternehmen – wenn auch beileibe nicht für alle – werden soziale Sicherheit und Sozialstaat immer wieder zu Sündenböcken gemacht.
    Wer Bestehendes verbessern will, wird als weltfremd dargestellt. Wer Bewährtes erhalten will, wird als „Blockierer“ karikiert. Wer bei sozialer Infrastruktur und bei Leistungen kürzen will, wird als zukunftsorientiert dargestellt.
    Während die Gehälter und Pensionsansprüche der DAX-Vorstände 2025 zweistellig gestiegen sind, will der Bundeskanzler die gesetzliche Rente der Beschäftigten zur „Basisabsicherung“ verzwergen.
    Viele sprechen von Vereinfachung und Entbürokratisierung. Das wäre richtig, wenn es nicht in vielen Fällen tatsächlich um Kürzungen ginge.
    Wer auf die Idee kommt, einen Spitzensteuersatz von 56 Prozent vorzuschlagen, wie er bei den Bundeskanzlern Helmut Schmidt und Helmut Kohl selbstverständlich war, wird als leistungsfeindlich dargestellt.
    Es scheint in Vergessenheit zu geraten, dass es ohne leistungsfähigen Sozialstaat weder lebendige Demokratie noch einen funktionierenden Rechtsstaat geben kann. Sozialstaat bedeutet weit mehr als Geld für diese oder jene Aufgabe. Demokratie, Rechtsstaat und Sozialstaat gehören untrennbar zusammen.
    Darauf hat Bundespräsident Johannes Rau in einer Grundsatzrede vor über 25 Jahren am 13. Oktober 2000 hingewiesen. Die Rede liest sich, von wenigen Absätzen abgesehen, als sei sie heute gehalten. Die gesellschaftliche und die politische Diskussion könnte davon profitieren, wenn seine Überlegungen wieder oder neu zur Kenntnis genommen werden

    Christoph Habermann 22. April 2026

    Die Rede des Bundespräsidenten:

    Nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in den Medien gibt es Konjunkturzyklen:
    Vor kurzem noch beherrschte die Preisentwicklung bei Benzin und Heizöl die Schlagzeilen.
    Ich habe Verständnis für die Sorgen von vielen, die es trifft, dass der Ölpreis sich in den
    vergangenen zwölf Monaten verdoppelt hat. Für Hysterie oder Panik gab und gibt es aber
    keinen Grund.
    Wir dürfen nicht der alten deutschen Neigung frönen, uns selber in die Depression zu reden.
    Dazu besteht kein Anlass.
    Ich sage das nicht, weil ich glaube, dass wir Grund hätten, uns zurückzulehnen und uns
    selber auf die Schulter zu klopfen.
    Ich sage das, weil wir uns selber schaden, wenn wir die vielen positiven Signale in der
    Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt aus dem Blick verlieren.
    Dann schaden wir der wirtschaftlichen Entwicklung und dem Abbau der Arbeitslosigkeit, weil
    Wirtschaftspolitik bekanntlich zu 50 % Psychologie ist.

    Hinter der Freude, dem Ärger oder der Sorge über jeweils aktuelle wirtschaftliche
    Entwicklungen führen wir aber seit einigen Jahren eine andere Debatte, bei der es um
    grundsätzlichere Fragen geht.
    Nicht nur in Deutschland gibt es – ein zum Teil klar ausgesprochenes, zum Teil aber auch
    diffuses – Unbehagen darüber, dass wirtschaftliche Interessen immer stärkeren Raum
    einnehmen und dass die Logik der Wirtschaft in immer mehr Felder der Gesellschaft
    vordringt. Es gibt ein Unbehagen darüber, dass von nicht wenigen behauptet wird, es sei für
    die Gesellschaft sogar von Vorteil, wenn die Logik des Wettbewerbs in allen Bereichen der
    Gesellschaft gelte.
    Verstärkt wird dieses Unbehagen durch die wachsende Globalisierung der Wirtschaft, die
    keine Grenzen mehr kennt, aber auch keinen Rahmen, keine Begrenzungen wirtschaftlichen
    Handelns mehr anzuerkennen scheint.
    Lassen Sie mich dazu folgendes zitieren: „Das größte Problem unserer Generation besteht
    darin, dass unsere Erfolge auf wirtschaftlicher Ebene den Erfolg auf der politischen Ebene
    dermaßen übertreffen, dass Wirtschaft und Politik nicht miteinander Schritthalten können.
    Ökonomisch ist die Welt eine umfassende Handlungseinheit. Politisch ist sie zerstückelt
    geblieben.“
    Diese Aussage stammt nicht von Kritikern der Globalisierung, sondern aus der renommierten
    Wirtschaftszeitung „Economist“. Das Zitat stammt aus einem Artikel, der im Jahr 1930
    erschienen ist, kurz nach der Weltwirtschaftskrise.
    Was heute als „Globalisierung“ bezeichnet wird, ist also nicht so neu, wie manche glauben.
    Umwälzende technische Veränderungen, die stark gewachsene Bedeutung der
    Finanzmärkte und der Wegfall der Blockkonfrontation zwischen Ost und West haben aber zu
    einer Dynamik von neuer Qualität geführt, deren Ende nicht abzusehen ist.

    Darum stellt sich heute die Frage noch drängender, was wir dafür tun können und müssen,
    dass die Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft gesichert bleibt und wie wir verhindern
    können, dass die Logik des Marktes auch jene Bereiche der Gesellschaft durchdringt, in der
    sie keine Geltung beanspruchen kann.
    Es ist gut und richtig, dass wir die Bedingungen für erfolgreiches Wirtschaften so günstig wie
    möglich gestalten – auf der Angebotsseite und auf der Nachfrageseite.
    Genauso wichtig nehmen müssen wir aber die Frage, wie wir die Werte in unserer
    Gesellschaft sichern und wirkungsmächtig erhalten können, die nicht an der Börse gehandelt
    werden.
    Jeder von uns weiß, dass es viele Dinge im Leben gibt, die man nicht kaufen kann, ohne die
    uns aber viel fehlte.
    Das gilt für jeden Einzelnen von uns. Das gilt aber auch für die gesamte Gesellschaft.
    Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, das sind Werte, die wirtschaftlichem Handeln
    vorgegeben werden müssen, weil der Markt sie nicht verwirklichen kann. Gleichzeitig ist die
    Marktwirtschaft aber auch notwendiger Bestandteil unserer freiheitlichen politischen
    Ordnung.
    Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität – diese Grundwerte gründen auf einem Menschenbild,
    das sich aus den abendländisch-christlichen Traditionen und aus der Aufklärung speist.
    Beide haben unsere europäische Kultur tief geprägt und ich sehe keinen Grund dafür, dass
    wir diese Kultur aufgeben sollten.

    Art. 14, Abs. 2 unseres Grundgesetzes lautet: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll
    zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Darum sagt unser Grundgesetz auch, dass
    die Bundesrepublik Deutschland ein „demokratischer und sozialer Rechtsstaat“ ist.
    Das Grundgesetz verpflichtet uns dazu, Gerechtigkeit zu üben, sozialen Ausgleich zu
    suchen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern. Die Gesellschaft soll und darf
    nicht auseinanderfallen in solche, die im Lichte und in solche, die im Schatten stehen.
    Für mich lautet das, was man „Sozialstaatsauftrag“ nennt, in wenigen Worten:
    Gleiche Lebenschancen für alle.
    Nicht: Gleiche Lebenswege.
    Nicht: Gleiches Leben.
    Nein, es geht nicht darum , die Unterschiede zwischen den Menschen zu leugnen. Aber es
    geht darum, dass Unterschiede, die es gibt, nicht zu krasser sozialer Ungleichheit führen.
    Jede und jeder muss die gleichen Chancen haben, seine Anlagen zu entfalten und das
    eigene Leben zu gestalten.
    Der Staat des Grundgesetzes hat eine doppelte Aufgabe: Zum einen muss er die
    notwendigen Freiräume für jeden Einzelnen schaffen und sichern, zum anderen muss er
    natürliche und soziale Benachteiligungen auszugleichen suchen, soweit das
    menschenmöglich ist.
    Der Sozialstaatsauftrag des Grundgesetzes hat für staatliches Handeln die gleiche
    grundlegende Bedeutung wie das Gewaltmonopol des Rechtsstaates.
    Nur wenn der demokratische Staat für soziale Gerechtigkeit sorgt, kann er auch den inneren
    Frieden bewahren.

    In unseren modernen Gesellschaften geht es sehr häufig unübersichtlich und kompliziert zu.
    Das gilt auch für staatliches Handeln, für den Rechtsstaat genauso wie für den Sozialstaat.
    Das ist einer der Gründe, warum es seit vielen Jahren Diskussionen darüber gibt, in welcher
    Weise der Sozialstaat besser und gerechter organisiert werden kann.
    Nach meiner festen Überzeugung darf es aber nicht darum gehen, den Sozialstaat – offen
    oder versteckt – in Frage zu stellen. Auch das geschieht ja.
    Alle Erfahrung spricht aber dafür, dass die Wege und die Maßnahmen, mit denen soziale
    Sicherheit und soziale Gerechtigkeit verwirklicht werden können, nicht ein für alle Mal
    feststehen.
    Die Diskussion über den Sozialstaat und die sozialpolitischen Debatten leiden nach meinem
    Eindruck häufig darunter, dass nicht deutlich unterschieden wird zwischen Zielen und
    Instrumenten, dass Maßstäbe und Maßnahmen nicht deutlich auseinander gehalten werden.
    Darum ist es gut, wenn wir uns immer wieder einmal ganz einfache Sachverhalte
    klarmachen, die Orientierung geben können und sollten.
    Soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherheit werden nicht dann am besten erfüllt, wenn
    möglichst viel Geld für soziale Aufgaben ausgegeben wird.
    Richtig wäre diese Sicht nur dann, wenn wir den Sozialstaat als Reparaturbetrieb der
    Gesellschaft missverstünden.
    Aber auch hier muss doch gelten, dass Vorsorgen besser ist als Heilen!
    Armut zu bekämpfen ist mindestens genauso wichtig wie Armen zu helfen.
    Not zu vermeiden ist mindestens genauso wichtig wie Not zu lindern.
    Staatliches Handeln, das den Sozialstaatsauftrag ernst nimmt, muss das Ziel haben, dass es
    möglichst wenig Arbeitslose gibt und nicht möglichst viel Arbeitslosengeld, dass es möglichst
    wenig Sozialhilfeempfänger gibt und nicht möglichst viel Sozialhilfe, dass es möglichst
    wenige gibt, die Wohngeld nötig haben und nicht möglichst viel Wohngeld.
    Wer den Sozialstaatsauftrag ernst nimmt, muss dafür sorgen, dass die Ausgaben für
    Arbeitslosigkeit sinken, weil die Zahl der Arbeitslosen abnimmt und nicht weil das
    Arbeitslosengeld gekürzt wird.
    Er muss dafür sorgen, dass die Sozialhilfeausgaben sinken, weil die Zahl derer sinkt, die
    darauf angewiesen sind und nicht, weil die Sozialhilfe gekürzt wird.
    Er muss dafür sorgen, dass die Ausgaben für Wohngeld zurückgehen, weil die Zahl derer
    zurückgeht, die darauf angewiesen sind und nicht, weil das Wohngeld gekürzt wird.
    Der Sozialstaatsauftrag des Grundgesetzes gilt nicht nur für die Sozialpolitik. Er gilt für alle
    Felder staatlichen Handelns.
    Dazu gehören die Bildungspolitik und der Ausbau einer leistungsfähigen Infrastruktur
    genauso wie die Steuerpolitik und die Familienpolitik.
    Darum rate ich dazu, dass wir uns in der Diskussion über die Zukunft des Sozialstaates
    zunächst mit dem beschäftigen, was wir wollen und welche Maßstäbe gelten sollen.
    Nur wenn Klarheit darüber besteht, kann man sinnvoll über ganz konkrete Instrumente, über
    Maßnahmen und Wege sprechen.

    Wer die Zukunft bestimmen will, darf nicht nur dem angeblichen Verlust von Werten
    nachtrauern. Er muss vielmehr unter veränderten Bedingungen versuchen, das, was er für
    richtig hält, immer neu mit Leben zu erfüllen. Das betrifft vor allem die Fragen, die mit der
    sozialen Gerechtigkeit und mit der Qualität unseres Lebens zu tun haben.
    Wenn wir formulieren, nach welchen Ideen wir leben wollen, welche Ziele wir uns setzen,
    welche Orientierung wir uns selber und anderen geben wollen, dann begegnen wir immer
    häufiger dem Vorwurf, weltfremden Idealen oder gar Ideologien anzuhängen.
    Viele sagen, mit dem Jahre 1989 sei das Jahrhundert der Ideologien zu Ende gegangen.
    Das sehe ich nicht so, denn diese Aussage ist selber ein Stück Ideologie. Ja, vielerorts
    haben sich ein Denken und eine Haltung etabliert, die man durchaus als neue Ideologie
    kennzeichnen kann.
    Ich meine den Anspruch, alle Lebensbeziehungen, alle Interessen der Gesellschaften und
    Staaten den Gesetzen des Marktes zu unterwerfen.
    Gewiss: Für die wirtschaftliche Welt ist der Markt unverzichtbar. Und innerhalb des Rahmens
    der sozialen Marktwirtschaft hat er uns insgesamt großen Wohlstand gebracht. Aber nun
    scheint der unbeschränkte, globalisierte Markt weiter zu greifen und mehr erfassen zu wollen
    als die Wirtschaftswelt.
    Seine Herrschaft scheint alles in Frage zu stellen, was bisher Gewicht und Bedeutung hatte:
    Kulturelle und regionale Identität, nationale Souveränität, religiöse und weltanschauliche
    Überzeugungen und Wertorientierungen.
    Die Ökonomie, der Wettbewerb scheint das einzige Koordinatensystem zu sein, das über
    Wert und Unwert von Ideen und Plänen, von Projekten und Orten bestimmt.
    Es wird manchmal so getan, als gebe es keine anderen tauglichen Maßstäbe mehr für das
    Zusammenleben der Menschen als die ökonomische Rationalität. Dieses Denken und eine
    Praxis, die sich daran orientiert, trägt Züge einer Ideologie, die Demokratie und soziale
    Stabilität gefährdet.
    Besonders gefährlich sind Ideologien, die sich als solche nicht wahrhaben wollen.

    Aller Ideologie, auch der der Herrschaft des bindungslosen Marktes, liegt – bewusst oder
    unbewusst – ein Menschenbild zugrunde. Immer wieder wird ein neuer Typ Mensch
    propagiert.
    Auch die Ideologie, die eine Modernisierung um fast jeden Preis durchzusetzen versucht,
    schafft das Bild eines neuen Menschen. Es ist der Mensch, der den Gesetzen des Marktes
    perfekt angepasst ist. Es wird davon gesprochen, dass die Menschen sich selbst neu
    definieren sollen. Sie sollen sich jetzt und in Zukunft verstehen als „Ich-Unternehmer“ oder
    als „Ich-AG“.
    Die dazu gehörigen neuen Werte heißen „Flexibilität“, „Mobilität“, und
    „Durchsetzungsfähigkeit“. Individuelle „Wettbewerbsfähigkeit“ soll am besten vom
    Grundschulalter an gelernt werden. So positiv diese Worte klingen – haben sie nicht auch
    etwas vom Orwellschen „Neu-Sprech“ an sich?
    Tatsächlich bringen uns die neuen Entwicklungen eine Menge Freiheiten und Möglichkeiten:
    Die lebenslange Beschäftigung an ein- und demselben Arbeitsplatz, die lebenslange
    Ausübung eines vor Jahrzehnten gelernten Berufs sind ja nicht aus sich heraus
    erstrebenswerte Ideale.
    Wer öfter wechselt, sieht mehr vom Leben und von der Welt, bekommt mehr Erfahrungen,
    kann das hier gelernte dort in anderen Zusammenhängen neu einsetzen. Es wächst die
    Bereitschaft, sich fortzubilden, in neue Bereiche einzusteigen, ja, ein Leben lang
    hinzuzulernen.
    Man möchte ja auch nicht mehr ein- für allemal festgelegt sein.
    Der umfassende Einsatz moderner Kommunikationstechnik wird es vielleicht auch möglich
    machen, dass immer mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten können.
    Die Kehrseite der gegenwärtigen Entwicklung beschreibt der amerikanische Soziologe
    Richard Sennett in seinem Buch ‚Der flexible Mensch‘. Bei ihm kann man nachlesen, was
    diese neue Freiheit – die für viele ja keine Freiheit, sondern ein Zwang ist – kostet: Sie
    bedeutet den weitgehenden Verzicht auf ökonomische und soziale Sicherheiten:
    Unternehmen zerfallen oder fusionieren, Jobs tauchen auf und verschwinden, wenig
    Stabilität also, viel Kurzfristigkeit.
    Das schafft ein Leben, das aus Episoden, ja aus Fragmenten besteht: ein Leben mit wenig
    Kontinuität. Das erschwert menschliche Bindungen, die von Vertrauen, Verpflichtung und
    Verlässlichkeit leben, und das kann dauerhafte Beziehungen sehr schwer machen.
    Wer Flexibilität zum einzigen Maßstab macht, der muss wissen, dass dann wichtige
    Wärmeströme unserer Gesellschaft ausgeschaltet werden.
    Wenn wir zu modernen Nomaden werden sollen: Wie soll sich dann bürgerschaftliches
    Engagement entwickeln, das gerade heutzutage so stark gefordert wird?
    Wie soll sich einer für seinen Stadtteil, seinen Verein, die Schule seiner Kinder engagieren,
    wenn er weiß, dass er in zwei Jahren wohl wieder umziehen muss?
    Wie werden wir motiviert zu bürgerschaftlichem Engagement, wenn wir vor allem mit dem
    Kurswert unserer Ich-AG beschäftigt sind?
    Wer wird bereit sein zur aktiven Nachbarschaftshilfe, zur Pflege der Städte, zur Bewahrung
    und Förderung von Kultur und Kunst, wenn er immer auf der Durchreise ist?
    Es ist schon paradox: Zum Teil sind es dieselben Stimmen, die den neuen, flexiblen
    Menschen propagieren und die gleichzeitig danach rufen, den sogenannten Werteverfall
    aufzuhalten.
    Es sind oft die gleichen, die am liebsten alles privatisieren und dem Individuum zumuten
    wollen und gleichzeitig die Fragmentierung der Gesellschaft beklagen.
    Man spürt doch, dass die Gesellschaft nur zusammengehalten werden kann, wenn es bei
    allem Denken in den Kategorien von wirtschaftlichem Erfolg und Effizienz auch
    Mitmenschlichkeit, Beständigkeit, Treue, Verlässlichkeit und freiwilliges bürgerliches
    Engagement gibt, wenn die Balance gehalten wird zwischen freier Selbstentfaltung des
    Einzelnen und der Bereitschaft zur Solidarität.
    Tatsächlich sind diese traditionellen Werte nicht nur im Bereich von Familie und
    Freundschaft unverzichtbar, nicht nur im Bereich der lokalen und kommunalen Beziehungen,
    sondern auch im Wirtschaftsleben selbst. Gerade hier müssen zum Beispiel Vertragstreue,
    menschlicher Anstand und Verlässlichkeit regieren – wenn nicht der eine des anderen Wolf
    werden soll. Diese Überlegung steckt doch auch hinter der Idee von
    dersozialenMarktwirtschaft.
    Dazu braucht es Erziehung und Charakterbildung. Dazu braucht es Werte und Tugenden,
    die der Markt nicht produzieren, ohne die er aber nicht funktionieren kann. Und wir brauchen
    und wir wollen ja einen funktionierenden Markt als Gestaltungsprinzip der Wirtschaft.
    Dazu kommt, dass es in einer Gesellschaft, dienurnoch durch das Marktprinzip bestimmt
    wäre, keinen Platz gäbe – sagen wir es einmal in der entsprechenden Sprache – für die
    „Unproduktiven“ und für die „Konsumschwachen“.
    Eine Gesellschaft, die sich nur noch nach den Gesetzen des Marktes formiert, würde das
    Überleben des Stärkeren oder des Anpassungsfähigeren zum obersten Grundsatz erheben.
    Das klingt vielleicht hart – aber wir sollten uns die Konsequenzen von Einstellungen ruhig
    deutlich machen.
    In unserer Gesellschaft müssen auch künftig die Behinderten und unheilbar Kranken, die
    Armen und die weniger Intelligenten, die Schwachen und Hilflosen einen Platz haben –
    keinen geduldeten, sondern einen selbstverständlichen, mit gleicher Würde und gleichen
    Rechten wie alle.

    Wenn sich ein Gemeinwesen nicht völlig den Gesetzen des Marktes ausliefern will, dann
    muss es sich trauen und zutrauen, die Sinnressourcen zu schützen, die sich aus anderen
    Quellen speisen.
    Ein Beispiel ist die Diskussion um die Ladenöffnungszeiten, die es offenbar in jedem
    Sommer geben muss. Grundsätzlich halte ich es durchaus für richtig, über mögliche
    Änderungen beim Ladenschluss zu sprechen.
    Wir sollten aber wissen: Nicht alles, was auf den ersten Blick „kundenfreundlich“ erscheint,
    ist auch im weitesten Sinne „menschenfreundlich“. Lebensqualität ist mehr, als rund um die
    Uhr einkaufen zu können.
    Der Sonntag steht als Symbol dafür, dass menschliche Bedürfnisse und menschliche
    Beziehungen aus mehr bestehen als aus kaufen und verkaufen, als aus Arbeit und
    Verdienst. Es ist Aufgabe des Staates, den Sonntag, die Ruhe- und Feiertage, zu schützen
    und so eine Voraussetzung für humanes Leben zu schaffen.
    Zu den unverzichtbaren Aufgaben des Staates gehört der Schutz der Familie. Sie ist schon
    heute oft ein sichtbares Opfer der allgegenwärtigen Forderung nach Mobilität und Flexibilität.
    Es liegt in der paradoxen Logik der Gegenwart, dass wir zwar angeblich auf Zukunft und
    Wachstum ausgerichtet sind, dass sich aber gleichzeitig diejenigen, die sich trauen und
    zutrauen, ein Kind oder gar mehrere Kinder zu erziehen – und damit eben auch unser aller
    Zukunft sichern -, sich heute oft wie gesellschaftliche Außenseiter und ökonomische Idioten
    vorkommen müssen.
    Ich brauche niemanden an die Kinder und Jugendlichen zu erinnern, die alleingelassen sind,
    die sozial verwahrlosen oder gar zu Straftätern werden. Wenn wir die Erziehungsbereitschaft
    und -verantwortung der Eltern fordern, dann müssen die Eltern auch in die Lage sein,
    diesem Anspruch gerecht werden zu können.
    Familien brauchen Hilfe. Finanzielle Unterstützung ist wichtig, da schafft die Steuerreform
    Erleichterung. Familien brauchen aber auch gesellschaftliche Unterstützung: Betriebe, die
    sich um Familienfreundlichkeit bemühen, sollten Anreize bekommen und belohnt werden.
    Die Kindergarten- und Schulöffnungszeiten könnten und müssen noch besser auf die
    Berufstätigkeit der Eltern abgestimmt werden, Teilzeitarbeit könnte noch stärker gefördert
    und Job-Sharing steuerlich reizvoller gestaltet werden.
    Das Bildungssystem ist bei uns zu weiten Teilen staatlich. Wenn der Staat für eine möglichst
    gute Bildung seiner jungen Bürgerinnen und Bürger sorgt, dann nicht nur, um den
    Standortvorteil der „Deutschland-AG“ zu sichern, das natürlich auch. Aber es ist zunächst
    eine Frage der Gerechtigkeit, jedem durch Bildung die gleichen Chancen zu geben, sich zu
    entfalten, seinen Platz in Gesellschaft und Arbeitsleben zu finden, für sich sorgen zu können
    und am kulturellen Reichtum teilzuhaben.
    Die neuen Medien, vor allem das Internet, bieten ungeahnte Chancen. Auch hier muss der
    Staat, nicht nur in den Schulen, dafür sorgen, dass alle, die wollen, daran kompetent
    teilnehmen können. Eine Teilung der Gesellschaft in online- und offline-Bevölkerung kann zu
    einer neuen anderen Spaltung führen.
    Eine besondere Aufgaben sehe ich darin, die immer schnelleren Entwicklungen bei den
    neuen Medien nicht an den älteren Generationen vorbeilaufen zu lassen. Aus der sich
    entwickelnden Internet-Welt dürfen sie nicht ausgeschlossen werden. Es muss unser
    gemeinsames Interesse sein, – und es ist eine Frage der Gerechtigkeit-, dass alle teilhaben
    können.
    Manche Aufgaben des Staates sind in der globalisierten Welt gewiss neu zu definieren.
    Eines aber gilt unverändert: Ein Gemeinwesen, ein Staat, der sich nicht zum Ziel setzte,
    Gerechtigkeit zu schaffen, wie immer sie im konkreten Fall aussieht, wäre nichts anderes als
    eine gemeine Räuberbande, ein „latrocinium“, wie es schon Augustinus im vierten
    Jahrhundert gesagt hat.
    Aufgabe des Staates bleibt es daher, die Freiheitsrechte und die sozialen Rechte, die in den
    letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten erkämpft worden sind, zu bewahren und zu
    verteidigen, damit nicht schrankenlose wirtschaftliche Freiheit zu individueller Unfreiheit und
    zu sozialen Verwüstungen führt.
    Dazu ist der Staat allerdings auch auf nicht-staatliche Institutionen angewiesen: Auf solche,
    die Gerechtigkeit und Solidarität fördern und die sich um Hilfe für Schwächere kümmern.
    Institutionen, die nicht nur auf die Gegenwart orientiert sind, sondern auch um die Zukunft
    der nachfolgenden Generationen besorgt sind.

    Dazu gehören traditionell – ich hoffe aber auch in Zukunft – die Gewerkschaften. Gewiss
    sind sie auch eine Interessengemeinschaft, aber ihre Interessen orientieren sich an Werten
    wie der Würde des arbeitenden Menschen. Für die Gestaltung des sozialen
    Zusammenlebens sind sie unverzichtbar.
    Im idealen Fall kommen in den Gewerkschaften die Erfahrungen der Basis und das
    politische Gespür derer zusammen, die auf allen Ebenen besondere Verantwortung tragen.
    Neue Entwicklungen werden sofort registriert. Gewerkschaftssekretäre, Betriebsräte und
    Vertrauensleute werden unmittelbar mit den dramatischen Strukturveränderungen
    konfrontiert – mit dem Wegfall von Arbeitsplätzen durch Fusionen, durch Verlagerung, durch
    technisch bedingte Rationalisierung.
    Darum sind viele Gewerkschafter in den vergangenen Jahren auch zu Experten für
    betriebliche Innovation geworden. Sie haben mit Unterstützung von außen neue
    Produktionskonzepte entwickelt, neue Organisationsmodelle auf die Beine gestellt, neue
    Vorstellungen über die Organisation der Arbeit entwickelt und mit ihren Geschäftsleitungen
    diskutiert.
    Ich kenne viele weitsichtige Unternehmer und Manager, die das anerkennen und die wissen,
    dass man dieses Engagement nicht hoch genug einschätzen kann – und ich kenne viele
    Länder, die uns um unsere Gewerkschaften beneiden.
    Wie andere große Organisationen mit langer Tradition haben auch Gewerkschaften aber mit
    eigenen strukturellen Problemen zu kämpfen: Oft fehlt der Nachwuchs. Was auch immer die
    Gründe sein mögen -hier müssen die Gewerkschaften bei sich selber etwas tun.
    Junge Leute können nur gewonnen werden, wenn sie das Gefühl haben, wirklich etwas
    bewegen und gestalten zu können. „Mitbestimmung“ – so müsste ihnen vermittelt werden –
    ist weit mehr als ritualisierte Gremienarbeit.
    Wir müssen „Mitbestimmung“ in einem sehr umfassenden Sinne verstehen, nämlich als
    humane und demokratische Bedingung dafür, dass Menschen menschlich sein wollen und
    das heißt: sie wollen selber handeln und nicht nur behandelt werden.
    Wenn es gelänge, diesen Grundgedanken zu vermitteln und zu verwirklichen, dann werden
    auch wieder mehr junge Menschen für gewerkschaftliches Engagement zu begeistern sein.
    Dazu brauchen die Gewerkschaften kreative Geister und die Bereitschaft, neue Wege zu
    gehen und neue Gedanken und neue Konzepte zuzulassen. Nur dann bleiben sie
    einflussreich genug, die Interessen der Arbeitnehmer wirkungsvoll zu vertreten und
    Reformvorhaben in allen gesellschaftlichen Bereichen maßgeblich mitzugestalten.
    Das wäre auch im Sinne des unvergessenen Hans Böckler, der sich wie kaum ein anderer
    um die Durchsetzung und die Gestaltung der Mitbestimmung in Deutschland verdient
    gemacht hat. Wenn wir in seinem Namen einen Preis verleihen, dann sind wir auch in der
    Pflicht, Erreichtes zu bewahren und neue Wege zu gehen, zum Wohl der arbeitenden
    Menschen in unserem Land.

    Mit der Verleihung des Hans-Böckler-Preises ist wie immer das „Europäische Gespräch“
    verknüpft. Sein diesjähriges Thema „Bündnisse für Arbeit in Europa“ bietet die Chance, die
    Erfahrungen, die unsere europäischen Nachbarn mit solchen Bündnissen gemacht haben,
    für unser deutsches „Bündnis für Arbeit“ zu nutzen.
    Europa muss auch für die Gewerkschaften das Stichwort der Stunde sein. Die europäische
    Einigung wird uns ohne eine starke Interessenvertretung der Arbeitnehmerinnen und
    Arbeitnehmer nicht gelingen. Die Unternehmen agieren frei auf den internationalen Märkten,
    deshalb müssen auch die Gewerkschaften ihre Zusammenarbeit verstärken. Auf
    europäischer Ebene wird sich das machen lassen, da bin ich ganz sicher. Es gibt ja auch
    gute Ansätze. Die europäische Zusammenarbeit gibt auch den Gewerkschaften die Chance,
    jene Handlungsfreiheit und jene Aktionsmöglichkeiten zurückzugewinnen, die ihnen auf
    nationaler Ebene oft bereits abhanden gekommen sind.
    Ich freue mich sehr darüber, dass Sie, verehrter Graf Davignon, den diesjährigen Hans-
    Böckler-Preis verliehen bekommen. Ich möchte Ihnen ganz herzlich dazu gratulieren. Sie
    haben diese Auszeichnung verdient.Mit Ihrer hohen fachlichen Kompetenz und Ihrem
    großen Engagement haben Sie maßgeblich dazu beigetragen, dass Regelungen zur
    Mitbestimmung auch für europäische Aktiengesellschaften gelten.
    Wie Sie wissen, haben wir Deutsche mit der Mitbestimmung gute Erfahrungen gemacht.
    Zum „Wirtschaftswunder“ nach dem Zweiten Weltkrieg hat entscheidend beigetragen, dass
    die Interessen der Arbeitnehmer in den Unternehmen vertreten und sie an den
    Entscheidungen beteiligt waren. Alle gemeinsam trugen die Verantwortung für den
    wirtschaftlichen Wiederaufbau.
    Klaus Murmann, der zehn Jahre an der Spitze der Bundesvereinigung der Deutschen
    Arbeitgeberverbände stand und deshalb als unparteiischer Zeuge zitiert werden darf, hat
    darauf hingewiesen, wie sehr der Kenntnisstand der Arbeitnehmer eine Hilfe für
    unternehmerische Entscheidungen ist. Viele Prozesse, hat er einmal gesagt, wären ohne
    Einbindung der Belegschaftsinteressen „viel, viel unsozialer, stockender, in jeder Hinsicht
    schlechter“ verlaufen.
    Wir wollen Europa zu einem sozialen Europa ausbauen. Die Charta der Grundrechte soll
    nicht nur die klassischen Bürger- und Freiheitsrechte umfassen, sondern auch die sozialen
    Grundrechte, die in den Ländern Europas Solidarität und Gerechtigkeit begründen.
    Bei allen Unterschieden unserer Traditionen eint uns in Europa die Überzeugung, dass alle
    Menschen die gleiche Würde haben, dass sie gleichwertig und füreinander verantwortlich
    sind. Das ist die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben, das die Freiheit des
    einzelnen mit der Bereitschaft zu solidarischem Handeln verbindet. Das müssen wir
    bewahren, ausbauen und zu einem Kern europäischer Identität machen.
    – Es gilt das gesprochene Wort. –

  • Ein Buch, dass die Logik des Kriegs ad absurdum führt

    Buchbesprechung unseres Autors Martin Singe:

    Bruno Kern, „… den Krieg gründlich verlernen“, Büchner-Verlag, 2025, 148 Seiten, 16,00 € 

    Das Ende 2025 neu erschienene Buch von Bruno Kern „… den Krieg gründlich verlernen“ stellt sich als kompaktes und umfassendes Kompendium friedenspolitischer Erkenntnisse und Forderungen dar. Auf den 148 Seiten des Buches zieht Kern einen Bogen von Kapitalismuskritik über Klimapolitik und aktuellen Analysen von Krieg und Aufrüstung bis hin zu den Forderungen eines radikalen Pazifismus.

    Im Buchcover wird trefflich zusammengefasst: „Wenn wir uns noch eine geringe Chance bewahren wollen, die Überlebenskrise der Menschheit zu bewältigen, dann müssen wir uns zugleich von jeder militärischen Logik radikal verabschieden. … Allein aus ökologischen Gründen können wir uns Rüstung, Militär und Krieg gar nicht mehr leisten. Auch ‚militärische Verteidigung‘ führt sich angesichts der Zerstörungskraft der heutigen Waffen selbst ad absurdum.“

    In den Kapiteln 1 und 2 werden die Grundzüge des Kapitalismus im Kontext von Industrialisierung und dem damit verbundenen Wachstumszwang als Beförderer der Klimakatastrophe und als Kriegsursachen beschrieben. Selbst der Transformationsprozess in Richtung erneuerbarer Energien verschärft die Konkurrenz um (seltene) Rohstoffe noch einmal und ist damit kriegsträchtig, solange sich nicht von der Wachstumsideologie selbst verabschiedet wird. Die friedenspolitischen Konsequenzen am Ende dieser beiden Kapitel lauten: Solidarischer industrieller Rückbau, Abwendung von militärischer Durchsetzung geopolitischer Interessen (NATO), Einstellung der Rüstungsproduktion via Konversionskonzepten, Zielsetzung einer „Bundesrepublik ohne Armee“ und Verwendung der freiwerdenden Ressourcen für die aktuellen Menschheitsherausforderungen, Kooperation der Friedensbewegung mit der radikalen Klimagerechtigkeitsbewegung und progressiven Teilen von Organisationen der Zivilgesellschaft.

    In Kapitel 3 analysiert Kern kenntnisreich die „Lüge von der Zeitenwende“ und die Hintergründe der neuen Ost-West-Konfrontation, die im Ukrainekrieg gipfelt. Kapitel 4 „Herrschaftsideologien und Gewaltmythen“ beleuchtet verschiedene Aggressionstheorien und geht auch auf das Verhältnis von Religion und Politik ein. Religiöse „Sonder“-Argumente oder Motivationen seien immer in intersubjektiv vermittelbare Argumentationen zu übersetzen, um in einen vernünftigen kritikoffenen Diskurs eingeführt werden zu können.

    Hervorzuheben sind m.E. die beiden letzten an einem radikalen Pazifismus orientierten Kapitel 5 und 6 des Buches, „Wider die Nekrophilie. Ethik des Friedens“ und „Schwerter zu Pflugscharen. Religion als Sinnressource und Motivation politischen Handelns“. Anhand der Kriterien des „Gerechten Krieges“, die schon seit dem Mittelalter bis heute (weiter)entwickelt wurden und das „humanitäre Kriegsvölkerrecht“ mitbegründet haben, wird verdeutlicht, dass sich jeglicher Krieg angesichts der modernen Waffenentwicklung für industrielle Massengesellschaften verbietet, auch ein Verteidigungskrieg. Diese Erkenntnis hatte bereits Papst Johannes XXIII. In der hier zitierten Enzyklika „Pacem in Terris“ 1963 mahnend verbreitet: „Darum widerstrebt es in unserem Zeitalter, das sich rühmt, Atomzeitalter zu sein, der Vernunft, den Krieg noch als das geeignete Mittel zur Wiederherstellung verletzter Rechte zu betrachten.“ Denkweise und Praxis der atomaren Abschreckung werden hier – mit Eugen Drewermann – als „pathologischer Vernunft“ entsprungen verurteilt.

    Krieg ist also unter keinen Umständen mehr eine rational verantwortbare Option. Maximal dürften polizei-ähnliche Einheiten auf UN-Ebene oder von kollektiven Sicherheitsgemeinschaften – wie ja die traditionellen Blauhelme – für Menschenrechtsschutz vorgehalten werden. Ansonsten gelte „Ohne Waffen, aber nicht wehrlos: Soziale Verteidigung“ als Option für die Zukunft. Zu diesem Ergebnis führt auch die Auseinandersetzung mit der Menschenwürde, der „Unüberbietbarkeit des einzelnen Menschenlebens“, das niemals zum Mittel (wie in allen Militärkonstellationen), sondern immer als Zweck gesehen werden müsse. Kapitel 6 schließlich erläutert religiöse, hier biblisch-theologische Traditionen, hinsichtlich ihrer Entwicklung von kriegsbefürwortenden zu gewaltverurteilenden Optionen bis hin zur gewaltverwandelnden Verheißung „Schwerter zu Pflugscharen“. Die Geschichte Jesu wird als Muster für „Entfeindung und subversives Unterlaufen der Gewalt“ gesehen. Sie hat ihre Wirkmächtigkeit insoweit erwiesen, als Christen der Soldatendienst verboten war, bis das Christentum im 4. Jh. zur Staatsreligion erhoben wurde. Die speziellen Erzählungen aus der jüdisch-christlichen Religionsgeschichte können auch nicht religiösen Menschen als Geschichtserzählungen der Menschheit wertvolle Impulse geben.

    Der Autor, der auch schon für unser FriedensForum Artikel verfasst hat, ist promovierter Theologe und Philosoph. Er lebt als freischaffender Autor in Mainz. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen zählen „Das Märchen vom grünen Wachstum“ und „Industrielle Abrüstung jetzt!“.

    Insgesamt kann Bruno Kerns inhaltlich umfassendes und angesichts der verhandelten Themenbereiche doch kurz gehaltenes Buch sehr zur Lektüre empfohlen werden. Möge es Pazifist*innen beflügeln und (Noch-)Nicht-Pazifist*innen wertvolle Denkanstöße geben!

    Martin Singe arbeitet in verschiedenen friedenspolitischen Zusammenhängen und ist im Redaktionsteam des FriedensForums aktiv.

  • Leistungserschleichung muss bestraft werden

    Endlich hat der deutsche Staat Konsequenzen gezogen: In einer Zeit, in der Deutschland für die Abwehr der im Jahr 2029 mit Sicherheit erfolgenden Invasion der Russen Gelder aus dem Staatshaushalt für Investitionen in die Bundeswehr benötigt, hat ein gewisser Herr C. versucht, einen Betrieb des öffentlichen Nahverkehrs zu betrügen. In einem Campact-Newsletter wird die Geschichte (und dieses ungeheuerliche Vergehen) dankenswerterweise ausführlich dargestellt. Der offenbar wohnungslose C. wurde in seiner Stadt beim Fahren ohne Ticket erwischt. Da er die entsprechende Strafe wegen genereller Zahlungsunfähigkeit nicht zahlen konnte, wurde die Geldstrafe in eine Ersatzfreiheitsstrafe umgewandelt. Der Mann wurde zu 2,5 Jahren Haft verurteilt.

    Dem Gericht, das trotz der üblichen Proteste aus dem linksgrünen Milieu, ein solches Urteil gefällt hat, gebührt unsere Hochachtung. In unserem Land darf niemand den Staat bestehlen! Deshalb wurde schon am 1. September 1935 der Paragraph 265A RStGB eingeführt, der das „Erschleichen von Leistungen“ zu einer Straftat macht. Es war halt nicht alles in diesen ansonsten manchmal düsteren Zeiten – man denke nur an den lobenswerten Bau der Autobahnen – schlecht.

    Der übliche Hinweis, man solle das Geld für die Haushaltskonsolidierung durch die Besteuerung der Reichen besorgen, verkennt natürlich, dass diese sogenannten Reichen die Leistungsträger*innen unserer Gesellschaft sind und ihren Wohlstand mit harter Arbeit und klugem unternehmerischen Handeln erworben haben.

    Einige unverbesserliche linke Spinner meinen, das Vergehen verharmlosen zu können, weil es sich lediglich um einen Betrag von 3,80€ gehandelt habe und dieser Betrag in keinem Verhältnis zu dem mit der Haftstrafe verbundenen bürokratischen Aufwand von ca. 150.000€ stehe. Dieser Haltung liegt ein Denkfehler solcher auch in anderer Hinsicht vaterlandsloser Gesellen zugrunde:

     Erstens geht es hier um das Prinzip!!! Wo kämen wir denn hin, wenn ein solches Vergehen nicht geahndet würde???

    Zweitens sollte der Grundsatz gelten: Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein!

    Kann sich jemand daran erinnern, welcher bundesdeutsche Politiker diese weisen Worte gesprochen hat?

    In diesem Sinne… Gerd Pütz, Bonn

  • Nicht in unserem Namen

    Musik war zu allen Zeiten eine Möglichkeit, um der Ideologie der „Kriegstüchtigkeit“ entgegenzuwirken. Liedermacher wie Hannes Wader und Degenhard haben mit ihren großartigen Liedern gegen den Krieg der Friedensbewegung eine musikalische Stimme gegeben. Umso mehr freuen wir uns, dass auch in diesen Zeiten, in denen die Stimme der Friedensbewegung erst leise erklingt, eine Gruppe von Männern aus Süddeutschland ein bewegendes Lied gegen den Krieg singt. Lasst Euch bewegen!

    https://www.anti-zensur.info/azk21/nicht-in-unserem-namen

  • Troisdorf muss endlich wieder kriegstüchtig werden

    Das darf doch nicht wahr sein….

    Immer wieder gibt es Kommunen und kommunale Politiker*innen, die offensichtlich – im wahrsten Sinne des Wortes – „den Schuss noch nicht gehört haben.“ Wie kann es sein, dass in einer Zeit, in der die Bedrohung unseres Vaterlands durch den Russen, bzw. den russischen Imperialismus, deren Realitätsgehalt durch die seriösen Medien unseres Landes – von der BILD-Zeitung bis zur Süddeutschen – dankenswerterweise immer wieder faktenbasiert nachgewiesen wird und auch dem letzten Zweifler Restelemente eines anachronistischen Pazifismus abhandengekommen sein müssten, der Bürgermeister einer Stadt allen Ernstes eine Industriefläche nicht für notwendige Rüstungsproduktion, sondern für den Bau von Wohnungen und für Gewerbeansiedlungen zur Verfügung stellen will? Zugegeben, ein langer Satz, aber wenn ich verärgert bin, regt sich bei mir der Bandwurm und ich bitte mögliche Leser*innen, den stilistischen Fauxpas zu entschuldigen.

    Die Geschichte, auf die ich mich mit größtmöglicher vaterländischer Empörung beziehe, hat sich in der bei Köln gelegenen rheinischen Kleinstadt Troisdorf abgespielt. Ohne Zweifel handelt es sich um einen Akt unglaublicher Zeitenwendenfeindlichkeit. In einem Artikel von Jörn Boewe in der Wochenzeitung Freitag, den ich im Folgenden mehrfach zitiere, wird ausführlich über den Vorgang berichtet.[1] „Ein Industriegelände am Rand von Troisdorf (NRW): Bis vor kurzem sollten hier neue Wohnungen und ein Gewerbezentrum entstehen. Dann kam Diehl Defence – und mit Diehl die Bundeswehr, ein Joint Venture mit Rheinmetall und ein Landrat, der auf einmal schneller war als der Stadtrat. Troisdorf wollte von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch machen, um die Munitionsherstellung auf städtischem Grund zu verhindern. Doch das Grundstück wechselte schneller den Besitzer, als der Beschluss gefasst werden konnte – nicht durch Kauf, sondern durch Übernahme der Eigentümerfirma.“[2] Wie auch in früheren Zeiten zeigt sich der deutsche Unternehmer nicht nur als vaterlandstreu, sondern auch als kluger Taktiker, der hier dem offensichtlich noch nicht zu Zeitenwende adäquatem vaterländischen Verhalten bekehrten Stadtrat ein Schnippchen geschlagen hat.

    Und auch die Vertreter*innen der hohen Politik haben bewiesen, dass der Deutsche in Zeiten der Krise keine Parteien mehr kennt. Frau Strack-Zimmermann, die Jeanne d´Arc der rheinischen Rüstungsschmiede, die vom Freitag als „Scharfmacherin“ diffamiert wird, hat die rechten Worte gefunden: Sie nannte das Verhalten des Troisdorfer Stadtrats „bizarr“ und empörte sich, „dass ausgerechnet ein CDU-Bürgermeister die Zeitenwende ausbremst“. Es gehe darum, „uns gegen Despoten durchsetzen zu können.“[3] Da darf natürlich die SPD, deren rechter Flügel ja schon 1914 seine vaterländische Haltung bewiesen hat, nicht zurückstehen. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Hartmann und Staatssekretär im Verteidigungsministerium charakterisiert das Verhalten des Troisdorfer Stadtrats als „Kirchturmpolitik“. Die Stadtratsmehrheit spiele „Putin in die Hände“. Der Held aller deutschen Stammtische, unser Boris, mischte sich persönlich ein und sprach von einer Gefährdung der „Sicherheit der Bundesrepublik“.[4]

    Die Ansiedlung eines Rüstungsbetriebs in Troisdorf ist ohne Zweifel auch ein Beitrag für eine wahrhaft demokratische der Zeitenwende gemäßen Erinnerungskultur. Immerhin war Troisdorf im zweiten Weltkrieg mit Dynamit Nobel ein wichtiger Standort der Rüstungsindustrie. Die Abläufe bei DN wurden 1939 vollständig auf Kriegsproduktion umgestellt und das Unternehmen hat sich als Arbeitgeber für mehrere tausend Zwangsarbeitende profilieren dürfen. Müsste man das Ansinnen von Stadträten, in der heutigen Zeit einem vaterländischen Rüstungsunternehmen den notwendigen Platz für seine Produktion zu verweigern, nicht auch als Akt der Geschichtsvergessenheit betrachten??

    Liebe Leserinnen und Leser!

    Die Ereignisse im Kontext der Auseinandersetzung um die Verwendung des Troisdorfer Industriegeländes zeigen vor allem eines: Die Satire steht in Deutschland vor schweren Zeiten, denn sie wird immer häufiger von der Realität überholt, weil das Entblöden einiger deutscher Politheroen und die Anpassungsbereitschaft eines großen Teils der Massenmedien offensichtlich keine Grenzen mehr kennt.

    Besorgniserregend finde ich zwei Prozesse:

    Erstens den mit der Militarisierung und der damit verbundenen Kriegstreiberideologie voraussehbaren Abbau demokratischer Rechte.

    Zweitens den immer stärkeren Einfluss des Militärisch-Industriellen Komplexes (MIK) auf politische Entscheidungen. Das Bündnis von Kapital, Politik und Militär agiert als Machtfaktor, der zunehmend das Entscheidungsverhalten der regierenden Eliten prägt und mit erheblichem medialem Aufwand die öffentliche Meinung auf Kriegsbereitschaft zu trimmen versucht. Zum Thema des MIK schreibt der Freitag treffend: „Die Informationsstelle Militarisierung (IMI) verweist in einer aktuellen Analyse auf die wachsende personelle Verklammerung zwischen Bundeswehrführung, Ministerialbürokratie und Rüstungskonzernen wie Rheinmetall, Airbus oder Hensoldt. ´Ein engmaschiges Netzwerk aus Politik, Militär, Industrie, Think Tanks und Lobbyagenturen sorgt für privilegierte Zugänge zu Entscheidungsträger*innen bei gleichzeitig mangelnder Transparenz` (…) Greenpeace veröffentlichte im Mai 2025 die Studie Wag the Dog. Sie dokumentiert einen zunehmenden Einfluss der Rüstungsindustrie auf die deutsche Sicherheitspolitik. Der Report nennt gezieltes Lobbying durch Industrieverbände, Think Tanks und Politiker mit direkter oder indirekter Verbindung zur Rüstungswirtschaft. Deutschland sei auf dem Weg, so heißt es dort, seine Außenpolitik militärisch zu verengen – mit unkalkulierbaren Folgen für Frieden, Demokratie und Klimaschutz.“[5]

    Dem wäre eigentlich nichts hinzuzufügen. Doch gerade fällt mir zum Thema Zeitenwende noch ein Satz des alten Goethe im Faust ein: „Was Ihr den Geist der Zeiten nennt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln.“ Ein zeitloses Genie, dieser Johann Wolfgang…

    Gerd Pütz, Bonn


    [1] Der Freitag, Nr. 33, 14. August 2025, S.6

    [2] Ebenda

    [3] Zitiert nach: Ebenda

    [4] Alle Politikerzitate nach: Ebenda

    [5] ebenda

  • Gedichte gegen den Krieg

    Himmel voller Geigen

    Lasst Gewehre, lasst Geschütze schweigen!
    Lauf und Rohr sollt ihr zu Pflügen schmieden,
    aus dem Sprengstoff Cremes und Seifen sieden
    und vor Mars und Thor das Knie nicht beugen!

    Krieg gefällt Morbiden und Perfiden.
    Ihrer Feindschaft, ihrem Hass entsteigen
    Waffen, die Ruin und Tod erzeugen,
    Wüsten, Waisen, Witwen, Invaliden.

    Macht statt Kampf euch lieber Kunst zu eigen!
    Baut Arenen! Sport soll euch ermüden!
    Geht ins Kino! Singt, lacht, sonnt im Süden!
    Spielt Musik und tanzt Hip-Hop, Swing, Reigen!

    Schließt den Janustempel! Stiftet Frieden!
    Und ihr hängt den Himmel euch voll Geigen.

    Thomas Kaut
    1. März 2023

    Mensch sein!

    Friede könnte walten in der Welt,
    wollten Reiche ihren Reichtum mindern
    und ihn teilen mit des Hungers Kindern,
    da Genüge sie zufrieden stellt.

    Statt den Reichtum der Natur zu plündern,
    die, von Gier nach Gütern, Glück und Geld
    rücksichtslos bedrängt, ins Koma schnellt,
    gilt es, diesen Reichtum nicht zu mindern.

    Großmut nicht der Eigensucht verfällt,
    möcht’ Begehrlichkeit und Krieg verhindern;
    denn die führen doch nur zum geschwinden
    Schwund des Erdgestirns am Himmelszelt.

    Lasst uns lieber Leid und Elend lindern,
    ehe Luxus uns ums Mensch-Sein prellt!

    Thomas Kaut
    14. Januar 2024

    Nein!

    Kann jemals Friede werden und gedeihen,
    wenn man den Fremden sich als Feind erschielt,
    gewissenlos ihm Wert und Würde stiehlt
    und wähnt, dass Deutsche einzigartig seien?

    Kann jemand, der statt Groß- bloß Hochmut fühlt,
    sich nicht entblödet, Rausch und Angst zu streuen,
    ein Herz, das Glück und Trost entbehrt, erfreuen,
    indem er mit dem Seelenleben spielt?

    Kann je von Hassgefühlen sich befreien,
    wer stets statt heißen Bluts sein Mütchens kühlt,
    sich ungeniert in seinem Dünkel sielt
    und weder Tücke will noch Häme scheuen?

    „Bekenne deine Schuld!”, Vernunft befiehlt.
    „Geht denn frei Atmen, ohne zu bereuen?”

    Thomas Kaut
    11. Juni 2025

  • Der radikale Geist der Hoffnung – Veranstaltung

    Der radikale Geist der Hoffnung – Christ*innen und Linke für eine gerechte Welt

    Unter diesem Titel hat unsere Initiative 2023 gemeinsam mit dem Gustav-Stresemann-Institut eine Veranstaltung durchgeführt, an der über 60 Personen teilgenommen haben. Im Abstract der Veranstaltungsankündigung heißt es:

    Zu allen Zeiten, insbesondere aber nach dem zweiten Vatikanischen Konzil hat es im Christentum und der politischen Linken Initiativen gegeben, bei den Menschen den radikalen Geist der Hoffnung zu inspirieren und Impulse für die Transformation bestehender Verhältnisse in eine gerechte Gesellschaft zu liefern. Unsere Veranstaltung wird im ersten Teil Repräsentanten dieser Initiativen zu Wort kommen lassen, die den gesellschaftspolitischen und theologischen Hintergrund ausleuchten. Im zweiten Teil werden im Format eines Workshops unterschiedliche Aspekte des Themas besprochen, Inhalte vertieft und Optionen für entsprechende Bündniskonstellationen ausgelotet.

    Der Ausgangspunkt des Dialogs zwischen Christ*innen und Sozialist*innen ist, dass der Einsatz für mehr soziale Gerechtigkeit, für die Erhaltung unserer natürlichen Umwelt und des kulturellen Reichtums unserer Gesellschaften aus unterschiedlichen weltanschaulichen oder ethischen Quellen gespeist werden kann. Papst Franziskus bestätigt die Notwendigkeit dieses Dialogs auf eindrucksvolle Weise durch eine deutliche Botschaft. Er bezeichnet das gegenwärtig herrschende Wirtschaftssystem als „Wirtschaft der Ausschließung“ und „Vergötterung des Geldes“.

    Der christliche Wunsch nach einer gerechten Gesellschaft lässt sich durchaus mit dem kategorischen Imperativ von Karl Marx verbinden, der die Umkehrung aller gesellschaftlichen Verhältnisse forderte, in denen der Mensch ein geknechtetes und erniedrigtes Wesen ist. Sowohl in der Botschaft des Papstes als auch bei Marx mündet der Blick auf die Schwächsten der Gesellschaft in die Forderung nach ihrer Veränderung. Veränderung als demokratischer Prozess, der deshalb auch eine deutliche antifaschistische und antirassistische Perspektive beinhaltet.

  • Manche Tage

    Ich sehe auf den Hügeln den Tanz der Sonne,

    Mit Sehnsucht oder Trauer – ich weiß es nicht.

    Tage, an denen ich meine Gefühle nicht verstehe

    Und nicht zum Ausdruck bringen kann.

    An diesen Tagen sollte ich Musik hören, gute Musik.

    Nach wie vor verstehe ich meine Gefühle nicht,

    aber ich denke nicht mehr darüber nach.

  • Faschismus light in Italien?

    Der gute Mensch von Rom

    Faschismus light all’italiana?

    Italien, lange Zeit das Sehnsuchtsland der von Ideen des demokratischen Sozialismus und Eurokommunismus beseelten Linken wird von einer knallrechten Koalition regiert, in der eine Partei dominiert, die bis heute ihre faschistischen Wurzeln nicht verleugnet hat. Giorgia Meloni, der neue Superstar der europäischen Rechtsextremisten hat die Fratelli d´Italia (FdI) von einer 2%-Splitterpartei in kaum zehn Jahren auf 26% katapultiert. Selbst wenn man die enorm hohe Zahl der Wahlenthaltungen bei den Parlamentswahlen 2022 berücksichtigt, so bleibt dennoch festzuhalten, dass ihre Partei von einem knappen Fünftel der Italiener:innen gewählt worden ist.

    Enttäuschende Ergebnisse bei Europa- und Kommunalwahlen

    Hinsichtlich der aktuellen Situation ist jedoch zu konstatieren, dass sowohl die Wahlen zum EU-Parlament, insbesondere aber die ebenfalls im Juni 2024 stattgefundenen Kommunalwahlen in einigen großen Städten zeigen, dass die Zustimmung der Wählerschaft zur italienischen Rechten stagniert. Mit einem vollständig auf ihre Person zugeschnittenen Wahlkampf hat Meloni (Giorgia!) ein gutes Ergebnis (28%) bei den EU-Wahlen erzielt, aber der ersehnte „triumphale Sieg“ war es wohl nicht. Gegenüber den Wahlen vom September 2022 ist die absolute Stimmenzahl von 7.301.303 auf 6.704.423 gesunken. Gleichzeitig haben die Lega rund 400.000 und Forza Italia rund 150.000 Stimmen verloren. Das Rechtsbündnis hat also einen Verlust von mehr als einer Million Wählern zu beklagen. Bei den Wahlberechtigten unter 30 erhalten die Fratelli gerade einmal 14% der Stimmen. Der Partito Democratico als größte Oppositionspartei hat mit seiner Spitzenkandidatin Elly Schlein ein achtbares Ergebnis von 24% eingefahren. Berücksichtigt man die Ergebnisse der anderen links orientierten Parteien, so darf man schlussfolgern, dass in Bezug auf Wählerstimmen in Italien eine Pattsituation existiert.

    Noch unerfreulicher für die Rechte sind die Ergebnisse der ebenfalls im Juni in einigen Städten durchgeführten Kommunalwahlen: Es hat sich deutlich gezeigt, dass FdI keine Partei der Großstädte ist. In allen großen Städten hat sie mit ihren Bündnispartnern Niederlagen erlitten. Ausnahme ist Rom, Melonis Geburtsstadt. Die Fratelli haben hier die meisten Stimmen gewonnen. Allerdings bleibt Roberto Gualteri vom Partito Democratico Bürgermeister. (Wahlergebnisse siehe Marco Revelli, Elezioni – A che punto è la notte, in: Sbilanciamo 13. Juni 2024).

    Erfolgsgeschichte mit Vorgeschichte

    Unbestritten bleibt, dass der bisherige Weg von Giorgia Meloni eine Erfolgsgeschichte ist. Sie ist die Architektin des Wahlsiegs der Rechten 2022, sie ist die Führerin der Mehrheitsfraktion und sitzt momentan als Ministerpräsidentin fest im Sattel. Zum ersten Mal in der Geschichte der italienischen Republik führt eine Partei, die sich in der historischen Kontinuität zum italienischen Faschismus bewegt oder sich zumindest niemals eindeutig vom Faschismus des Benito Mussolini distanziert hat, die Regierungskoalition in der italienischen Abgeordnetenkammer.

    Mit großer Wahrscheinlichkeit sieht ein Großteil ihrer Wählerschaft sie nicht als Faschistin. Wer erinnert sich schon daran, dass sie einst meinte: „Ich habe ein unbeschwertes Verhältnis zum Faschismus.“ In der Jugendorganisation des faschistischen MSI, der offen für ein faschistisches Herrschaftssystem eintrat, war sie eine eifrige Mitstreiterin und sagte 1996, dass Mussolini ein „guter Politiker“ gewesen sei. (beide Aussagen zitiert nach Frank Hornig, Italienkorrespondent des Spiegel, Das Meloni-Modell. 16. Juli 2024)

    Aufgrund der widersprüchlichen Aussagen Melonis waren sich schon vor dem Wahlsieg der vereinten Rechten die Analysten uneins, ob die Fratelli d´Italia (FdI) in der Kontinuität des italienischen Faschismus agieren oder sich als rechtskonservative Partei neuen Typs in das parlamentarische System integrieren würden. Schlussfolgerungen, die darauf hinausliefen, dass sich der faschistische Wolf aus Opportunitätsgründen vorläufig mit einem EU-konformen parlamentarischen Schafsfell gekleidet habe oder – in umgekehrter Intention –, dass Meloni, Salvini und Co. einen reumütigen Prozess der Buße (wir sind schließlich im immer noch katholischen Italien) durchlaufen hätten, der sie zu aufrechten Demokraten geläutert habe, erscheinen zu simpel.

    Ohne Zweifel hat Meloni versucht, das ideologische Profil ihrer Partei insbesondere gegenüber der internationalen Öffentlichkeit neu zu definieren. Konservativ und nationalistisch in jedem Fall, aber keineswegs faschistisch: So will sie im Orchester des Brüsseler Staatenbundes gesehen und akzeptiert werden. Wenn Olaf Scholz sie bei ihrem Antrittsbesuch in Berlin mit „Cara Giorgia…“ für seine Verhältnisse auf hohem emotionalem Level begrüßt und Ursula von der Leyen sie in Brüssel als vertraute Ansprechpartnerin bezeichnet, scheint ihr das zumindest bei Teilen des europäischen Führungspersonals gelungen zu sein.

    Um in den Augen der EU und Washingtons Legitimation zu erlangen, war das Commitment für die ökonomische, diplomatische und militärische Unterstützung der Ukraine fundamental. Obwohl unterschiedliche Kräfte in der Regierungskoalition starke Sympathien für Putins kulturellen Konservatismus und seinen autokratischen Regierungsstil hegten, steuerte Meloni vom Beginn ihrer Regierungsübernahme einen klaren Kurs in Übereinstimmung mit der Strategie der NATO. Auch in der Frage des Gaza-Kriegs hat sie sich eindeutig auf die Position der israelischen Regierung gestellt und es scheint ihr völlig mühelos zu gelingen, diese Haltung mit dem in ihrer Klientel weit verbreiteten antisemitischen Einstellungsmuster zu vereinbaren. Mancher erinnert sich möglicherweise voller Staunen daran, dass sie selbst vor wenigen Jahren den US-Investor George Soros mit einem klassischen antisemitischen Stereotyp als „Usuraio“ (Wucherer) bezeichnete.

    Es mag sein, dass ihr proisraelisches Engagement etwas damit zu tun hat, dass der israelische Likud zu den globalen Partnern der Fraktion der europäischen Konservativen und Reformern (EKR) gehört. Denn im europäischen Parlament hat sich Meloni der EKR angeschlossen, ist ihre prägende Figur und nähert sich den Christdemokraten der EVP. Damit entzieht sie sich den Werbeversuchen ihres französischen Pendants, Marine Le Pen, die von einer europäischen Rechtsfront träumt, in der sich alle EU-kritischen Kräfte des reaktionär-faschistoiden Lagers zusammenfinden. Womöglich ist das von Le Pen angeregte Zusammenwirken jedoch nur aufgeschoben. Einen Schub in diese Richtung könnte es gegeben haben, als sich Meloni unlängst von der Vergabe der EU-Spitzenjobs ausgeschlossen fand und die sechs daran beteiligten EU-Regierungschefs daraufhin als „Oligarchie“ beschimpfte. Es wird sich zeigen, ob der offizielle Schmusekurs mit Ursula von der Leyen, der in der Akzeptanz der Austeritätspolitik der EU, dem Slow down der ökologischen Transformation und einer gemeinsamen Strategie in der Migrationspolitik eine passable Basis hat, sich als langfristige Kooperation bewähren wird.

    Auf den ersten Blick erscheint Melonis Politik widersprüchlich und könnte als Merkmal einer Abwendung von einem faschistischen Politikkonzept interpretiert werden. Die Geschichte des italienischen Nachkriegsfaschismus zeigt jedoch, dass die extreme Rechte in Italien jederzeit bereit war, ideologischen Ballast der Mussolini-Ära aus machttaktischen, der Veränderung der internationalen Kräfteverhältnisse geschuldeten Gründen abzuwerfen, ohne die grundsätzliche Kontinuität und die Verbindung zu ihren historischen Wurzeln in Frage zu stellen. In den Zeiten des kalten Kriegs hat sich die Nachfolgepartei des Partito Fascista, der Movimento Sociale Italiano (MSI), deutlich zur NATO und der gemeinsamen Frontstellung gegen die Länder des damaligen Warschauer Pakts gestellt.

    Giorgio Almirante, Vorsitzender des MSI und glühender Verehrer des Duce, sagte am 11. August 1970 im italienischen Parlament: „Habt doch die Güte, anzuerkennen, dass der atlantische Pakt, wie wir glauben, unabdingbar ist.“ Staatstragende Worte eines erklärten Faschisten, der andererseits schnell bereit war, den Anzug des Parlamentariers in den Kleiderschrank zu hängen und sich das Schwarzhemd der faschistischen Terrorbanden anzuziehen. In einer Zeit, in der Spanien, Portugal und Griechenland von faschistischen Diktaturen beherrscht waren, hatte Almirante kein Problem, die „Verdienste“ dieser Terrorregimes, insbesondere der griechischen Militärdiktatur, zu würdigen. „Für ihn sind die wahren griechischen Patrioten die Faschisten. Für ihn haben die griechischen Obristen keinen Staatsstreich gemacht, sondern das griechische Volk hat eine herrschende Klasse des Militärs hervorgebracht, die es in einem entscheidenden Moment vor der schlimmsten Gefahr, vor der kommunistischen Gefahr gerettet hat.“ Und er hatte keine Scheu – im Jargon eines Pinochet – das Heilmittel der griechischen Militärs im Falle eines Falles auch auf Italien anzuwenden: „Das Regime der Obristen hat Griechenland vor dem Kommunismus gerettet, hat die NATO gerettet, teilweise sogar Westeuropa. (…) Extreme Krankheiten erfordern extreme Rezepte. Wir sind bereit, uns männlich der Realität zu stellen, ohne falsche Heuchelei. Solche Lösungen (wie die Militärdiktatur in Griechenland, GP), auch mit Gewalt, würden uns vom Kommunismus erlösen.“ (alle Aussagen in diesem Absatz von Ascanio Celestini in einem Gespräch mit Alba Vastano für Sinistraïnrete, 8. Juli 2024).

    Ein Blick auf die italienische Gesellschaft der 1960er und 1970er Jahre, in denen es mehrere Versuche reaktionärer und faschistischer Kräfte in Italien gegeben hat, einen faschistischen Staatsstreich zu realisieren, zeigt: Das waren keineswegs wirklichkeitsferne Drohgebärden und ideologischer Theaterdonner für die eigene Gefolgschaft durch einen Teil der alten Machteliten. Der MSI und seine postfaschistischen Ambitionen fanden durchaus machtvolle Unterstützung. Fazit: Widersprüchliche Aussagen und sogar paradoxe Kommunikation ist offensichtlich integrierter Bestandteil faschistischer Demagogie und keineswegs eine neue Erscheinung in der rechten politischen Szene des Belpaese.

    Faschistoide Schwachstellen der italienischen Rechten

    Wir kehren zurück zur aktuellen Situation in Italien: Am 20. Juli 2024 fand in Turin ein Straßenfest der rechtsextremen Vereinigung „Casa Pound“ statt, dass von einigen Dutzend militanter Neofaschist:innen besucht wurde. Der Journalist der Tageszeitung La Stampa, Andrea Joly, der zufällig anwesend war und einige Fotos schießen wollte, wurde von vier Personen attackiert, sein Handy wurde ihm abgenommen und er wurde leicht verletzt. Ein Vorfall, der in Italien mittlerweile kaum noch registriert wird, weil die Überfälle neofaschistischer Banden und tätlichen Angriffe auf Personen und Institutionen der Linken, der Gewerkschaften oder Menschen, die dem rechten Terror entgegentreten, fast schon an der Tagesordnung sind. Die Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ließ eine Erklärung verbreiten, die einige Beobachter möglicherweise durch ihre deutliche Verurteilung des Angriffs auf einen Journalisten überrascht hat. „Ich bin solidarisch mit dem Journalisten Andrea Joly, der gestern Abend Opfer einer inakzeptablen Attacke in Turin war. Ein Akt der Gewalt, den ich mit Entschiedenheit verurteile und von dem ich wünsche, dass die Verantwortlichen so schnell wie möglich dingfest gemacht werden. Die Wachsamkeit der Regierung ist äußerst hoch und ich habe den Innenminister Piantedosi gebeten, mich über die Entwicklung des Falls auf dem Laufenden zu halten.“ (siehe Il Post vom 21. Juli 2024). Auch in vergleichbaren Fällen von Gewaltausübung durch rechtsextreme Täter*innen, die teilweise Mitglieder ihrer eigenen Partei waren, hatte Meloni keine Scheu, sich deutlich in der Öffentlichkeit zu distanzieren.

    Den genannten Vorfall selbst politisch einzuordnen, fällt leicht: Das gegenwärtige politische Klima im Lande ermuntert offenbar rechtsextreme Schlägerbanden (die es seit jeher im Land der blühenden Zitronen gegeben hat) im Stile ihrer schwarz behemdeten Vorbilder aus Mussolinis glorreichen Zeiten Terror gegen politisch Andersdenkende auszuüben und diese zu versuchen einzuschüchtern. Schwieriger ist die Interpretation der klaren Distanzierung durch eine Ministerpräsidentin, die sich vor noch nicht allzu langer Zeit durch Lobeshymnen auf den Duce bemerkbar gemacht hatte. Der Vorhang ist noch nicht gefallen und wir sind dennoch erstaunt. Waren wir nach dem Wahlerfolg des rechten Bündnisses im September 2022 nicht von Alpträumen einer Machtergreifung des Faschismus im Stile des Marschs auf Rom 100 Jahre zuvor geplagt? Oder gehörten wir zu denen, die, nachdem Giorgia von Ursula als aufrechte Demokratin und leidenschaftliche Europäerin geadelt worden ist, erleichtert aufatmeten und dachten: So schlimm sind die doch gar nicht?! Ja wat denn nu? fragt sich der Rheinländer und nicht nur er.

    Dürfen wir uns entspannt zurücklehnen und die herrschende Rechtskoalition als Business as usual im politischen Aktionsraum der Regierungswechsel der italienischen Republik betrachten? Schon die Tatsache, dass ein großer Teil der Führungsriege und Kader der FdI, deren unbestrittene Führerin Giorgia Meloni ist, sich aus der Fronte della Gioventù rekrutiert, der Jugendorganisation des neofaschistischen MSI, der sich offen zum Mussolini- Faschismus bekannte und enge Verbindungen zum Rechtsterrorismus und der Loge P2 hatte, spricht dagegen. Der offene Rassismus des Koalitionspartners Salvini von der Lega und das freimütige Bekenntnis von Regierungsmitgliedern der Meloni-Partei zur faschistischen Vergangenheit kann wohl ebenfalls kaum als Signal der Entwarnung für die demokratische Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

    Offensichtlich macht es Sinn, von essentialistischen Fragestellungen à la „Bleibt sie im Wesen eine Faschistin?“ oder „Hat sie sich zur aufrechten Demokratin gewandelt?“ abzusehen. Vorschnelle begriffliche Zuschreibungen führen in der komplexen gesellschaftspolitischen Situation Italiens, die darüber hinaus durch populistische Irrlichter für manchen Beobachter kaum noch durchschaubar ist, in die analytische Sackgasse. Festzuhalten ist, dass sich die Fratelli d´Italia als Partei der äußersten Rechten im Spektrum der politischen Landschaft Italiens nicht nur etabliert habe, sondern zur bestimmenden Kraft in einer Regierungskoalition mit der Lega des marktschreierischen Rassisten Matteo Salvini und der Forza Italia des jüngst gestorbenen Cavaliere Berlusconi geworden ist.

    Berlusconis Vermächtnis

    Silvio Berlusconi antwortete 2019 in einem Interview auf die Frage, ob er ein Rechter sei, folgendermaßen: „Wir sind Mitte-rechts. Ja, wir haben diese Bezeichnung sogar erfunden. 1994 haben wir beschlossen, mit der Rechten, also mit der Lega und den Faschisten in den Wahlkampf zu ziehen, also mit politischen Kräften, die die anderen Parteien[1] von dem ausgeschlossen haben, was sich der Bogen der Verfassung nannte. Sie hatten niemals zugelassen, dass Lega oder Faschisten in die Regierung einträten. Wir haben diese legitimiert und sozusagen verfassungskonform gemacht.“[2] Berlusconi ließ keinen Zweifel daran, dass er als Unternehmer, Herrscher eines Medienimperiums und Repräsentant eines einflussreichen Flügels der italienischen Bourgeoisie, den Faschismus salonfähig gemacht und in den herrschenden Machtzirkel offiziell aufgenommen hat. Die Büchse der Pandora war geöffnet und Berlusconis Wahlerfolg von 1994 skizzierte den Anfang vom Ende der ersten Republik.

    Mit all ihren Widersprüchen, ständigen Regierungswechseln, den Verbindungen zahlreicher Politiker in den jeweiligen Regierungen mit der organisierten Kriminalität und den ständigen Versuchen durch Terroranschläge Staat und Gesellschaft zu destabilisieren, hat sich diese Republik der Nachkriegszeit doch immer als antifaschistisch verstanden. Ihr politisches Establishment war sich immer ihres Entstehungskontexts bewusst und alle Protagonisten des demokratischen Staates haben niemals versäumt, sich positiv auf die Resistenza als nationale Widerstandsbewegung zu beziehen. „Un partigiano come presidente“ singt Toto Cutugno in einem Schlager des Jahres 1983 und für die Mehrheit der Italiener:innen war dieser durchaus mit Stolz vorgetragene Text Teil ihres Selbstverständnisses und der italienischen politischen Kultur.

    Die einzige Partei, die von vorneherein die Republik und den sie konstituierenden Verfassungskonsens abgelehnt und mit allen Mitteln bekämpft hat, war der MSI, die selbsterklärte Nachfolgerin der Partei Mussolinis. Sie war die Speerspitze aller reaktionären Kräfte, die sich schon unmittelbar nach der Befreiung vom Faschismus zum Ziel gesetzt hatten, die demokratische Republik durch ein autoritäres Regime zu ersetzen. Die Geschichte des italienischen Faschismus der Nachkriegszeit und seiner Unterstützer in Militär, Geheimdienst und Teilen des Kapitals kann deshalb als Revisionismus im wörtlichen und umfassenden Sinne verstanden werden: als gegen die Grundlagen der Konstitution und der bürgerlichen Demokratie gerichtetes Handeln auf allen Ebenen der Gesellschaftspolitik.

    Es ging und geht dem Faschismus nicht um eine andere Regierung, sondern um eine andere Republik, eine Gesellschaft, die von Grund auf geändert und von den Rahmenbedingungen ihrer Konstituierung entschlackt werden soll. Ist die  gegenwärtige Politik der Regierung Meloni eine Etappe in diesem Prozessdesign oder stellt sie einen neuen Typ von Herrschaftsausübung dar, der mit dem bisher zur Verfügung stehenden begrifflichen Instrumentarium nicht zu fassen ist? Den rasanten Aufstieg einer Rechtspartei in einem Land mit einer nach wie vor antifaschistisch-demokratischen Verfassung und einer großen Tradition der sozialistisch-kommunistischen Arbeiterbewegung sowie des politischen Katholizismus jetzt schon vollständig analytisch zu erfassen, wäre anmaßend und eine Unterschätzung des komplexen und dynamischen Charakters des gegenwärtigen Prozesses. Wenn in diesem Text einige Phänomene und Etappen der aktuellen politischen Entwicklung skizziert werden und eine vorläufige subjektive Einschätzung der Geschehnisse formuliert wird, dann als bescheidener Beitrag für eine zu leistende umfassendere Analyse.

    Eher Thatcher als Mussolini?

    Das Glaubensbekenntnis der Giorgia Meloni orientiert sich, insbesondere in der Wirtschaftspolitik, nicht am Korporatismus des italienischen Faschismus, sondern an den neoliberalen Konzeptionen der Ära Reagan und Thatcher. Die Haushaltspolitik der Regierung Draghi wurde im Wesentlichen fortgeführt. Bezeichnenderweise wurden einige bescheidene Maßnahmen der Regierung Conte im Interesse der sozial benachteiligten Schichten der italienischen Gesellschaft, die auf Initiative der 5-Sterne-Bewegung eingeführt worden waren, wie das Bürgergeld und die Subventionierung von Renovierungen im Wohnungsbereich – teilweise – gecancelt. 160.000 Empfängern des reddito di cittadinanza[3] wurde per SMS mitgeteilt, dass es gestrichen wird oder sie andere Formen der Unterstützung beantragen müssten.

    In der Steuerpolitik lassen die Pläne zur Einführung einer Flat Tax, mit der die bisher existierende Progressivität der Einkommenssteuer beendet oder zumindest stark verringert würde, kaum darauf schließen, dass die Rechtsregierung sich von der unternehmerfreundlichen Politik ihrer Vorgänger verabschieden will. Sogar der Internationale Währungsfonds hatte kürzlich Bedenken angemeldet, denn eine Flat Tax sei für einen hoch verschuldeten Staat wie Italien ein Risiko.[4] Dass die Regierung konsequente Maßnahmen gegen Steuerhinterziehung, durch die dem Staat jährlich ein dreistelliger Milliardenbetrag an Steuern entgeht, unternommen hätte, ist bisher nicht bekannt geworden.

    Vermutlich hätten Organisationen wie Lobby Control oder Abgeordnetenwatchin Italien ein reiches Betätigungsfeld bei der Aufdeckung der zahlreichen Querverbindungen und Lobbykontakte der Parteien der Rechtsregierung mit Finanzkapital und Industrie. Die italienischen Banken und die Confindustria als größte Arbeitgeberorganisation haben sich in jüngster Zeit äußerst wohlwollend zur Politik der italienischen Regierung geäußert. Kaum verwunderlich, denn die großspurigen Ankündigungen von Meloni im Wahlkampf, sie werde die ungerechtfertigten Gewinne der Banken besteuern und die Profitgier einzelner Unternehmer bekämpfen, haben sich schnell als demagogische Manöver zur vorläufigen Befriedigung der Interessen ihrer kleinbürgerlichen Klientel erwiesen.

    Insbesondere im wirtschaftspolitischen Handlungsfeld erweist sich die Orientierung auf die Fortsetzung des Austeritätskurses der Vorgängerregierung einerseits und die Realisierung von Alibimaßnahmen gegen offensichtliche Exzesse des Finanzkapitals als riskanter Spagat. Bestes Beispiel ist die Ankündigung einer Sondersteuer von 40% auf Zinsgewinne der Banken. „Sie verblüffte Führungskräfte und Anleger gleichermaßen und ließ die Aktienkurse der Banken um bis zu 11% einbrechen. Sie erholten sich am (darauffolgenden, GP) Mittwoch leicht, nachdem das Finanzministerium korrigierend eingegriffen und erklärt hatte, die Abgabe auf die Nettozinserträge werde auf 0,1% der Aktiva einer Bank begrenzt.“[5]

    Der heroische Kampf für eine sogenannte Übergewinnsteuer war natürlich in der Öffentlichkeit populär und wurde in den Rechtsmedien als Heldentat im Stile eines Robin Hood, der den Reichen nimmt und den Armen gibt, gefeiert. Die italienische Staatskasse hätte sich durch eine konsequente Besteuerung in der Tat über bis zu sieben Milliarden mehr an Steuereinnahmen freuen können. Es kam jedoch anders. Der rasante Sturz der Aktienkurse und die erwartete Reaktion der internationalen Märkte veranlassten die Regierung zu einem eleganten Rückwärtssalto. Ohne auf die Einzelheiten der geradezu artistischen Lösungskonstruktion einzugehen, seien hier die Konsequenzen genannt: Das Resultat: Keine einzige italienische Bank wird auch nur einen Cent Übergewinnsteuer zahlen – nicht einmal die verstaatlichte ehemalige Pleitebank Monte dei Paschi di Siena und die Staatsbank für die Entwicklung des Südens, die Mediocredito Centrale, sind bereit, Finanzminister Giancarlo Giorgetti ein wenig unter die Arme zu greifen. Lieber beglücken die Finanzinstitute ihre Aktionäre: Allein die beiden größten Banken Italiens, Intesa San Paolo und Unicredit, haben in diesen Tagen Dividenden­ausschüttungen zwischen 5,8 und 6,5 Milliarden Euro angekündigt. Die Mailänder Zeitung Corriere della Sera bezeichnete das Vorprellen und den anschließenden Rückzieher der Rechts­regierung bei der Übergewinn­steuer als Farce.“[6] Ein böse denkender Schelm würde an dieser Stelle die Frage stellen: Hat die artistische Glanzleistung der Regierung etwas damit zu tun, dass der italienische Staat mit drei Billionen Euro verschuldet ist und Probleme bekäme, wenn die italienischen Banken sich als wichtige Staatsfinanzierer in Zukunft vornehm zurückhalten würden?

    Die Europäerin Giorgia Meloni

    In der europäischen Union hat die italienische Rechte einerseits die politische Achse nach rechts verschoben, andererseits in zentralen Fragen ihre Positionen neu definiert und sich trotz der europafeindlichen Phrasen des Lega-Chefs Salvini im Großen und Ganzen der Linie der EU-Kommission angepasst. Dies betrifft in der Wirtschaftspolitik die Akzeptanz der Grundsätze der neoliberalen Austeritätspolitik und eine Beschleunigung der Privatisierungen von Staatseigentum, die die italienische Regierung in vorauseilendem Gehorsam schon in Gang gesetzt hat. Als Beobachter der politischen Szenerie Italiens vor den Wahlen vom September 2022 muss man sich verwundert die Augen reiben. Eine Regierung, deren tragende Parteien noch vor nicht allzu langer Zeit den Ausstieg aus dem Euro als Allheilmittel für die wirtschaftliche Misere der italienischen Gesellschaft propagiert und die Sparauflagen der EU-Kommission als Zwangsmaßnahmen und Angriffe auf die nationale Autorität betrachtet hat, erweist sich vom ersten Tag nach der Machtübernahme als folgsame Schülerin der Ursula von der Leyen und der von ihr repräsentierten Haushaltspolitik. Man mag es Flexibilität oder Opportunismus nennen, jedenfalls ist die rechtsextreme Regierungskoalition bereit, ohne Zögern Grundsätze ihres angeblich nationalsouveränen Wertekanons über Bord zu werfen, wenn es der wirtschaftlichen Stabilisierung und der Sicherung ihrer Machtgrundlagen dient

    Durch das internationale Alignment unterscheiden sich die Fratelli insbesondere vom ökonomischen Kurs der französischen Rechtsextremen, die als zu sozial, wenn nicht gar sozialistisch angesehen werden. Wahrscheinlich müssen die genannten Entscheidungen wohl eher als pragmatische Anpassungen betrachtet werden, die in der Substanz das Vorhaben der autoritären Formierung der Gesellschaft nicht in Frage stellen. Besonders deutlich wird dies, wenn man die von Meloni als ihr zentrales Projekt bezeichnete kulturelle Umformung der italienischen Gesellschaft betrachtet.

    Kulturelle Hegemonie ganz oben auf der Prioritätenliste

    Der Bezug auf die Resistenzawird von der Rechtsregierung als eine Ideologie bezeichnet, die die Nation spalte, weil sie alle diejenigen ausschließe, die sich nicht der antifaschistischen Koalition angeschlossen haben. Mit diesem Narrativ möchte sie faschistische Elemente ihrer Politik verschleiern und ethnischen Nationalismus, eine hierarchische und nicht interkulturelle Vision der Gesellschaft sowie eine autoritäre Staatskonzeption in einen neuen Kontext überführen, der zu ihrer neoliberal-reaktionären Agenda passt.

    Giorgia Meloni erweist sich gerade unter diesem Gesichtspunkt als Meisterin des rechtsextremen Populismus. In einem offenen Brief, der am 25. April 2024 (in Italien als Tag der Befreiung vom Faschismus gefeiert) im Corriere della Seraerscheint, verkündet sie: „Dieser Tag ist ein Moment der wiedergefundenen nationalen Einheit (die gleichen Worte formulierte Adolf Hitler am Tag von Potsdam gegenüber dem Reichspräsidenten Hindenburg, GP), an dem die Feier unserer wiedergefundenen Freiheit uns hilft, die Rolle Italiens in der Welt als Bollwerk der Freiheit zu verstehen.“ Beim Lesen dieses bemerkenswerten Textes fiel mir das Zitat des Humanisten Giordano Bruno ein: „se non è vero è ben trovato“.[7]. Und weiter heißt es im Text: „Seit vielen Jahren, wie jeder ehrliche Beobachter weiß, haben die Parteien, die die Rechte im Parlament repräsentieren, ihre Inkompatibilität mit jeder Nostalgie des Faschismus erklärt.“[8] Sie beschuldigt die Linke der Intoleranz, weil sie den Begriff des Faschismus als Instrument der Delegitimation jedes politischen Gegners eingesetzt habe und sie setzt ihren „Appell der Versöhnung“ fort, sich auf den toten Cavaliere berufend: „Ein Konzept, das 2009 von Silvio Berlusconi (damals Präsident des Ministerrats, einer Stellung, die ich nun einnehme) in einer berühmten Rede dazu eingeladen hat, (…) den 25. April als Fest der Freiheit zu feiern, um die Wunden der Vergangenheit zu heilen.“[9]

    Ganz offensichtlich geht es um eine andere Erinnerungskultur, die den historischen Kontext des Tages der Befreiung vom Faschismus vergessen machen soll. Die Veränderung der Erinnerungskultur ist Teil einer Gesamtstrategie zur Erlangung der kulturellen Hegemonie, das heißt einer Okkupation der herrschenden Wertvorstellungen, der Einstellungen, Glaubenssätze und Ideale, die für die Funktionsfähigkeit eines Herrschaftssystems eine wichtige Voraussetzung sind. Ein Vorhaben, dass nicht nur durch kommunikative Beeinflussung als reiner Inhalt, sondern in erster Linie durch Eroberung der Medien und Institutionen, über die diese Beeinflussung geschieht, erreicht werden kann.

    Vor diesem konzeptionellen Hintergrund muss man die Okkupation des öffentlichen TV und der kulturellen Institutionen sehen. Diese ist an sich keine revolutionäre Aktion. Alle vorherigen Regierungen haben versucht, Einfluss auf die Medien und den Kulturbereich zu nehmen. Silvio Berlusconi hatte durch sein gewaltiges Medienimperium für dieses Vorhaben sogar mehr Ressourcen als Giorgia Meloni. Das neue Element der Praxis der aktuellen Regierung ist die Konsequenz, mit der sie ihre Ziele verfolgt: Es geht um die radikale Rekonstruktion des gesellschaftlichen Commonsense in einem ethno-nationalistischen (Italianità!) und reaktionären Sinne.

    Der Freitag findet deutliche Worte: „An der Spitze der RAI steht nicht nur ein Faschist, sondern ein politischer Psychopath, der das ganze Medium zum Ausdruck seiner Paranoia macht.“[10]  Gemeint ist der neue Generaldirektor der RAI, Giampaolo Rossi, der sich seine ersten Sporen dadurch verdient hat, dass unter seiner Führung eine Kette von Einschüchterungen, Eingriffen und Zensurmaßnahmen realisiert wurde, die fortdauern und den Sender Schritt für Schritt zu einem Medium der ideologischen Beeinflussung der Massen im Sinne des neuen Regimes transformieren soll. Prominente Beispiele sind die Zensur einer Rede von Antonio Scurati, dem Verfasser einer exzellenten Mussolini-Biografie, in der er die Verpflichtung zum Antifaschismus formuliert und die skandalöse „Entsorgung“ des bekannten Mafia-Kritikers Roberto Saviano, dessen Sendung mit fadenscheinigen Argumenten abgesetzt worden ist. Die ideologische Instrumentalisierung der RAI bezieht sich keineswegs nur auf die politischen, sondern auf alle Programme. Offensichtlich geht es um die Installation eines umfassenden rechten Weltbildes und wenn man die Personen betrachtet, die in die Leitungspositionen der RAI gehievt worden sind, dann findet man dort niemanden, der nicht eine faschistoide politische Vergangenheit oder zumindest eine entsprechende Gesinnung vorzuweisen hätte.

    Das Konzept der Hegemoniebildung hat die schlaue Giorgia sich offensichtlich von Antonio Gramsci abgeguckt. Die rechte Regierung führt den Kampf um die kulturelle Hegemonie, indem sie – bewusst oder unbewusst – die theoretischen Annahmen des italienischen Kommunisten und schärfsten Kritikers des Faschismus übernimmt. In den berühmten Gefängnisheften (quaderni del carcere)war Gramsci zu der Einsicht gelangt, dass eine proletarische Revolution als umfassende gesellschaftspolitische Machtübernahme einen Einstellungswandel und eine Veränderung der Alltagskultur bei der Mehrheit der italienischen Bevölkerung voraussetzt. Die Rechte will diese „Herrschaft über die Köpfe“ als Voraussetzung ihrer eigenen vollständigen Dominanz in der italienischen Kulturlandschaft. Anders als ihre Gesinnungsfreunde in deutschen Landen, die sich noch im Würgegriff einer „linksgrün versifften“ – formulierte es einmal der ehemalige AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen – herrschenden Elite sehen, sitzt die siegreiche italienische Verwandte an den Schalthebeln der Macht und kann auf nicht unerhebliche Potenziale der Beeinflussung der öffentlichen Meinung zurückgreifen.

    Udo Gümpel, profunder Kenner der italienischen Gesellschaft, scheut sich nicht, die hegemonialen Bestrebungen der italienischen Regierung als „Gleichschaltung“ zu bezeichnen. „Wohin diese Gleichschaltung führt, lässt sich beispielhaft an der Frauenpolitik und am Umgang mit der Geschichte des Landes sehen. Da findet im wichtigsten TV-Talk des Staatsfernsehens RAI bei Bruno Vespa eine Diskussion über Abtreibung statt mit sieben Männern ganz unter sich. Diese rechtfertigen dann auch, dass ab sofort Gruppen ultrakatholischer Abtreibungsgegner Zugang zu den Beratungszentren für Frauen erhalten. Dabei sind diese Aktivisten berüchtigt für ihre rabiaten Methoden, mit denen sie Frauen von einer Unterbrechung der Schwangerschaft abhalten wollen. (…) Immer mehr Frauen erheben ihre Stimmen gegen die Meloni-Regierung, weil die Rechte immer vehementer die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen 194 fordert. Als sei die niedrige Geburtenrate Italiens Schuld der Frauen und nicht der frauen- und familienfeindlichen Bedingungen: kaum Betreuungsplätze für Kleinkinder, so gut wie keine finanzielle Unterstützung für Mütter. Statt an diesen Realitäten zu arbeiten, arbeitet die Meloni-Regierung lieber an deren Deutung durch die Medien. Auch sonst sind die Probleme mannigfaltig: Das Wirtschaftswachstum ist mager, die Staatsverschuldung enorm. Die Beschäftigungsquote von knapp 64 Prozent liegt am unteren Ende des EU-Spektrums. Viele gut ausgebildeter Jugendliche verlassen Italien, viele Industriebetriebe ebenfalls. Zugleich sinkt die Einwohnerzahl des überalterten Landes Jahr für Jahr in den Dimensionen einer Großstadt. Über all diese drängenden Probleme soll nicht geredet werden, stattdessen soll die kapillare Kontrolle der Medien die Meloni-Erzählung verankern.“[11]

    Es bedarf kaum einer Erwähnung, dass Rassismus integrierter Bestandteil rechter Politik im gegenwärtigen Italien ist. Das gehört eben mit zum Arsenal der Demagogie im postfaschistischen Kommunikationskonzept. Die Feindschaft gegenüber Menschen, die anders sind als der „Bio-Italiener“ realisiert sich im ideologischen Diskurs vor allem in der Frontstellung gegenüber dem Islam und der islamischen Immigration, die als Bedrohung der christlichen Identität Italiens gesehen wird. Klar, dass hier Islam und islamistischer Terror gleichgesetzt werden. Gelegentliche und halbherzige Distanzierungen von rassistischen Übergriffen durch regierungsamtliche Stellen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es die Regierung selbst ist, die ein Klima erzeugt, in dem rassistische Haltungen gedeihen.

    Ein weiteres Projekt, das an dieser Stelle nur kurz erwähnt werden soll, ist eine Zerstörung der Balance of Power durch eine Verfassungsänderung: Diese sieht unter anderem vor, dass der Regierungschef in Zukunft direkt gewählt werden und seine Partei automatisch 55 Prozent der Sitze im Abgeordnetenhaus erhalten soll. Im Zusammenspiel mit der schon vollzogenen Einführung von Elementen des Mehrheitswahlrechts und einer Bevorzugung der großen Parteien würde sich dadurch eine drastische Einschränkung der Macht des Parlaments ergeben. Auch hier haben wir es keineswegs mit einem innovativen Projekt zu tun. Schon die Renzi-Regierung ist mit ähnlichen Plänen am Widerstand der italienischen Zivilgesellschaft gescheitert. Nach dem verlorenen Referendum musste Renzi seinen Hut nehmen. Meloni ist klug genug, um dieses Vorhaben nicht im schnellen Parademarsch anzugehen, sondern auf den geeigneten Zeitpunkt zu warten und den faktischen Verfassungsbruch behutsam in ihre hegemoniale Strategie zu integrieren.

    Klima der Gewalt im Alltag

    Gewaltsame Aktionen faschistischer Schlägertrupps aus dem Dunstkreis der Fratelli d´Italia gegen Veranstaltungen linker Jugendorganisationen, Angriffe auf Gewerkschaftshäuser und Bedrohungen von Initiativen, die sich für das Asylrecht einsetzen, sind mittlerweile an der Tagesordnung und gehören fast schon zum Alltag der italienischen Gesellschaft. Die neofaschistischen Gewalttäter können sich offensichtlich darauf verlassen, dass ihr Gewalthandeln von den entsprechend verantwortlichen Institutionen gar nicht oder nur in äußerst seltenen Fällen sanktioniert wird.

    Gewalt geht leider auch in verstärktem Maße von den Ordnungskräften aus. In Rom, Neapel und Mailand werden studentische Demonstrationen durch regelrechte Prügelattacken der Polizei aufgelöst. In Pisa und Florenz gehen Polizisten mit äußerster Brutalität gegen Schüler:innen vor, die sich an einer Kundgebung gegen das Vorgehen der israelischen Armee in Gaza beteiligen. Die Zeitschrift Adesso schreibt: „Es geht um eine propalästinensische Demonstration, organisiert von Schülern in Pisa. Man sieht eine Gruppe von Demonstranten, nicht mehr als 100 Personen, in einer kleinen Gasse, blockiert von einem Van der Polizei und einer Absperrung durch Polizeibeamte in Kampfausrüstung. Plötzlich stürzen sich die Polizisten auf die jungen Leute und prügeln mit Schlagstöcken auf sie ein. Viele der Menschen stürzen auf die Erde, aber die Polizisten setzen ihre Prügelei fort. Einige Jugendliche erleiden Verletzungen am Kopf. (…) Die Demonstranten sind unbewaffnet und friedlich, allesamt Schüler:innen eines Gymnasiums, viele gerade einmal 15 oder 16 Jahre alt… Am gleichen Tag erscheinen ähnliche Bilder wie in Pisa aus dem benachbarten Florenz. Auch hier eine völlig unbegründete Polizeigewalt gegen Teilnehmende an einer Demonstration für Palästina. Der Bürgermeister von Pisa, Michele Conti, hoher Repräsentant der Lega, einer Partei, die Teil der von Meloni geführten Regierung ist, verurteilt die Gewalt der Polizei und erklärt: Das, was heute Morgen in der Stadt vorgefallen ist, hat mich zutiefst verbittert, zunächst als Bürgermeister der Stadt, dann aber als Bürger und Vater“[12]

    Repräsentanten der Rechtsregierung haben hingegen das Vorgehen der Polizei uneingeschränkt begrüßt und die Schuld an den Gewaltexzessen „linken Provokateuren“ gegeben. Einerseits scheint die Rechte bereit zu sein, bei entsprechendem „Bedarf“ die Repressionskarte zu ziehen und Härte zu demonstrieren, andererseits zeigt die Reaktion des Bürgermeisters von Pisa, dass selbst im rechten Lager der Einsatz von repressiver Gewalt nicht unumstritten ist.

    Wohin geht die Reise?

    Alle diese durchaus widersprüchlichen Entwicklungen im Handlungsfeld des italienischen Koordinatensystems der Macht zeigen, dass Meloni und ihre Gefolgsleute keineswegs zurück in den traditionellen Faschismus der Mussolini-Ära wollen, sondern dabei sind, ein autoritäres, tendenziell faschistisches, Regime zu konstruieren, dass sich durch die Verbindung ihrer ideologisch-politischen Maximen mit Elementen einer schon bestehenden politischen Kultur des Neoliberalismus auszeichnet und dem 80 Jahre nach dem Ende Mussolinis veränderten gesellschaftlichen Kontext Rechnung trägt. In diesem gesellschaftspolitischen Grundszenario realisieren sich autoritäre und reaktionäre Strukturen: Ethnischer und xenophober Nationalismus, Militarismus und autoritäres Downsizing der Demokratie, offene Gewaltanwendung gegen oppositionelle Bewegungen und eine gesellschaftliche Vision, die hierarchisch ist und die Ungleichheit der Vermögensverteilung zum Normalzustand erklärt. Es wird sich zeigen, ob es der Rechtsregierung gelingt, diese unterschiedlichen Handlungsstränge in einen kohärenten und konsistenten politisch-ideologischen Kurs zu integrieren, der die demokratische Opposition weiter paralysiert.

    Gerd Pütz, Bonn

    Erstveröffentlichung im August 2024 im Portal „Demokratischer Salon“


    [1] Insbesondere die Parteien des antifaschistischen Konsensus der Nachkriegszeit: Christdemokraten, bürgerliche Liberale, Kommunisten und Sozialisten.

    [2] Alba Vastano intervista Ascanio Celestini, artista antifascista. Sinistrainrete.info/politica-italiana/28463-ascanio-celestini-s-e-destra-destrissima-anzi-fascista.html

    [3] Bürgergeld

    [4] FAZ, 7. August 23, S.6

    [5] Neue Züricher Zeitung, 12. August 2023, S.3

    [6] RND, Dominik Straub, Melonis Übergewinnsteuer wird zur Farce, 16.11.2023, 22:41 Uhr

    [7] Wenn´s nicht wahr ist, ist es zumindest gut erfunden.

    [8]Giorgia Meloni: «Il 25 aprile sia la festa della libertà: i valori democratici ora difendiamoli in Ucraina. Fascismo, noi incompatibili con qualsiasi nostalgia» . Corriere della Sera, 24. April 2024

    [9] ebenda

    [10] Meloni-TV, Freitag Nr. 18, 2. Mai 2024. S.17

    [11] Udo Gümpel, Meloni dreht Italien auf rechts. Wir sehen eine schleichende Gleichschaltung. ntv.de, 22.04.2024

    [12] Michael Braun, Giovani. Manifestazione e violenza. Adesso 6/24 S. 20 f.

  • In Memoriam: Francesco

    Das Pontifikat der Barmherzigkeit: 12 Jahre Papst Franziskus

    Am 13. März 2013 wurde Jorge Mario Bergoglio vom Konklave zum neuen Papst gewählt. 12 Jahre sind seit jenem Tag vergangen, der den Beginn eines der bedeutendsten Pontifikate in der jüngeren Kirchengeschichte markiert. Es ist das erste postkonziliare Pontifikat, wenn man bedenkt, dass er weder als Papst, wie im Falle Johannes XXIII., noch als junger Berater, wie im Falle von Ratzinger, noch als Bischof, wie im Falle von Luciani und Wojtila am zweiten vatikanischen Konzil teilgenommen hat. Ohne das Wort Barmherzigkeit kann man das Pontifikat von Bergoglio nicht verstehen. Viele Vorgänger haben versucht, einen Schlüsselbegriff für ihr Pontifikat zu formulieren, der als historische oder kulturelle Zuschreibung für ihre Person und darüber hinaus für ihre theologischen Prämissen und ihren Herrschaftsanspruch gelten sollte. Diese Versuche erscheinen jedoch unvollständig und verfehlt, wenn sie nicht in die theologische Kategorie der göttlichen Barmherzigkeit integriert sind.

    Die göttliche Barmherzigkeit ist insbesondere die göttliche Haltung, die sich auf den Menschen an der Peripherie der Gesellschaft bezieht, am Rande menschlicher Existenz, um ihn einzubeziehen in die väterliche (göttliche) Liebe. Im apostolischen Brief Misericordia et misera schreibt Francesco: „Die Barmherzigkeit ist keine Parenthese im Leben der Kirche, aber sie konstituiert ihre Existenz. Durch sie wird die tiefe Wahrheit des Evangeliums manifest und nachvollziehbar. Alles wird in der Barmherzigkeit enthüllt; alles wird gelöst in der barmherzigen Liebe des Vaters.“

    Man könnte also sagen, dass gemäß dem Papst das gesamte kirchliche Handeln eine Beteiligung an der Bewegung der göttlichen Barmherzigkeit ist, die sich von den Rändern der Gesellschaft ins Zentrum (Herz) entwickelt. Er selbst legt uns nahe, dass Barmherzigkeit ein zentraler Begriff seiner Amtsführung ist, indem er ihn zum Motto seines Pontifikats macht. In seiner episkopalen Konsekration benutzt er den Satz Miserando atque eligendo. Es ist ein Satz aus der Predigt von Beda Venerabilis über eine Episode des Evangeliums von der Berufung des Matthäus und er schreibt: „jesus sah einen Zöllner (Matthäus) und dennoch betrachtete er ihn mit Liebe und sprach zu ihm Folge mir“ Dieser Satz hat eine besondere Bedeutung im Leben des Papstes. Denn 1953, im Alter von 17 Jahren, am Feiertag des heiligen Matthäus, machte Bergoglio eine besondere Erfahrung der liebenden Anwesenheit Gottes, nach einer Beichte. Sein Herz wurde von jener göttlichen Barmherzigkeit berührt, die ihn dazu geführt habe, ein religiöses Leben innerhalb des Ordens der Jesuiten zu führen. Der erwähnte Satz des Beda gibt also nicht nur einen Hinweis auf die Präsenz Gottes im Leben von Bergoglio, sondern ist auch ein explizites Programm, das sein episkopales und pontifikales Wirken charakterisiert.

    Bergoglio ist ein Mann, der an der geografischen Peripherie der katholischen Kirche groß geworden ist. 1936 in Buenos aires geboren, Sohn von migrantischen Eltern, ausgebildet in Chile, Argentinien, Spanien, aber niemals in Rom oder im Umfeld der römischen Kurie. Massimo Faglioli lässt uns wissen, dass „es in seinem Lebenslauf keine Perioden des Studiums an der päpstlichen Universität oder Arbeitserfahrung in der Kurie gibt. Seine internationalen Erfahrungen außerhalb von Lateinamerika sind im Hinblick auf seine Vorgänger auf dem Papststuhl limitiert. Er kann keine diplomatische oder akademische Karriere vorweisen, wohl aber eine Tätigkeit als Lehrender und Bischof.“ 1973 wurde er mit nur 37 Jahren zum Provinzial der argentinischen Jesuiten gewählt, um dann 1992 zum Bischof von Auca ernannt zu werden und Erzbischof von Buenos Aires 1998. Seine Haltung ist stark vom sozialpolitischen Kontext Lateinamerikas Ende des vorigen Jahrhunderts beeinflusst worden. Diese Erfahrung ist sicherlich eines der „ideologischen“ Hauptelemente seines Pontifikats, das durch einen einzigartigen Stil und eine herausragende Positionierung gegenüber seinen Vorgängern charakterisiert ist. Der Fokus auf die existenziellen Bedürfnisse der Armen und Ausgegrenzten ist durch persönliche Erlebnisse und ein Pastorat geprägt, das er in Lateinamerika unter dem Einfluss der sogenannten Theologie des Volkes entwickelt hat: Eine Antwort auf die Theologie der Befreiung, die er mehrmals als gefangen in einer ideologischen Matrix getadelt hat. Paradoxerweise wird ihm andererseits vorgeworfen, sein Denken stehe unter dem Einfluss der Theologie der Befreiung. Diese fordert die pastorale Praxis im Geist des Evangeliums für die Befreiung der Unterdrückten im Gegensatz zu einem orthodoxen Glaubensbekenntnis, das keine Verantwortung für die sozialen Verhältnisse der Unterdrückten übernimmt.

    Viele Attribute seiner Einzigartigkeit sind offensichtlich: Er ist der erste Papst, der nicht aus dem etablierten europäischen Klerus kommt, der erste Jesuit, der erste, der seine Kniee vor dem Volk beim Gebet anlässlich seiner Einführung beugt, der erste, der die Porta Santa im Gefängnis öffnet, der erste, der am Gründonnerstag Frauen und Andersgläubigen die Füße wäscht und dadurch mit einer Tradition bricht, die bis dahin diesen Ritus lediglich für Menschen innerhalb des Kreises der katholischen Kirche vorgesehen hat.

    Schon 2016 wurden seine Aussagen als „Enzyklika der Praxis“ bezeichnet. Ich halte diese Aussage  für eine nicht begründbare Interpretation, so als ob er eine enge Verbindung zu den Grundsätzen der Theologie der Befreiung habe. Es geht ihm offensichtlich um eine Lehre der Doktrin, die sich auf einer höheren Ebene befindet. Zwar erkennt man in seinen Enzykliken eine positive Rezeption der praktischen Orientierungen der Theologie der Befreiung. Er bejaht die Präferenz der „Orthopraxis“ gegenüber der „Orthodoxie“, aber sein seine Lehre reicht über den Horizont der reinen Praxis hinaus.

    Die Aussagen von Franziskus nicht lediglich als Ersatz für eine doktrinäre Lehre verstanden werden, sondern als Zeugnis einer pastoralen Aktivität, die sich aus dem Evangelium ableitet und insbesondere auf den Begriff der Barmherzigkeit Gottes gerichtet ist. Die Lehre des Papstes ist als theologisch dürftig kritisiert worden. Seine erste Enzyklika Lumen Fidei behandelt jedoch das Thema des Glaubens und wurde zum großen Teil von Benedikt XVI. als zusammenfassendes Dokument einer Serie von Texten, die sich mit zwei anderen religiösen Tugenden ( Spe salvi und Deus caritas est e Caritas in veritate) beschäftigen, vorbereitet. Die beiden ersten von Franziskus selbst verfassten Enzykliken befassen sich nicht mit theologischen Themen im engeren Sinne. Laudato si befasst sich im Wesentlichen mit der Erhaltung der Schöpfung, während Fratelli tutti vor allem soziale und gesellschaftspolitische Fragen behandelt. Man kann sehen, dass auch in der Chronologie seiner Dokumente mit der Autorität des päpstlichen Lehramts die ganzheitliche Sicht der Barmherzigkeit Gottes in Bezug auf alle menschlichen Handlungsebenen und alle Orte der Welt manifestiert wird.

    Man darf darüber hinaus auch nicht vergessen, dass Bergoglio der erste Papst ist, der sich den Namen Franziskus gibt. Er weist damit symbolisch auf sein Verständnis einer Kirche der Armen, der Sorge für die Schöpfung und des Zwangs zum sozialen Miteinander hin: Ein Papst, der an der Spitze der kirchlichen Hierarchie steht, aber sein Herz im Sinne der Barmherzigkeit den Ausgegrenzten und Armen schenkt.

    Gerd Pütz auf der Basis eines Artikels im Portal Treccani von Luca Colacino, 13. März 2025

  • Lob der Dialektik

    Warum es sich immer lohnt, zu kämpfen

    Das Unrecht geht heute einher mit sicherem Schritt.
    Die Unterdrücker richten sich ein auf zehntausend Jahre.
    Die Gewalt versichert: So, wie es ist, bleibt es.
    Keine Stimme ertönt außer der Stimme der Herrschenden.
    Und auf den Märkten sagt die Ausbeutung laut:
    Jetzt beginne ich erst.
    Aber von den Unterdrückten sagen viele jetzt:
    Was wir wollen, geht niemals.

    Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
    Das Sichere ist nicht sicher.
    So, wie es ist, bleibt es nicht.
    Wenn die Herrschenden gesprochen haben,
    Werden die Beherrschten sprechen.
    Wer wagt zu sagen: niemals?
    An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns.
    An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird?
    Ebenfalls an uns.
    Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich!
    Wer verloren ist, kämpfe!
    Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?
    Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen,
    Und aus Niemals wird: Heute noch!

    Bertolt Brecht, Lob der Dialektik 1934