Eine Informations- und Diskussionsveranstaltung des Gustav Stresemann Instituts, des Vereins Wissenskulturen e.V. und des Fördervereins der Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
25. November 2026 19.00 im Gustav Stresemann Institut, Bonn, Langer Grabenweg 68
Thematische Schwerpunkte:
- Deutsche Deserteure, die sich in Italien und Griechenland den Widerstandsbewegungen angeschlossen haben
- Lokalgeschichte: Bonner Deserteure im 2. Weltkrieg
- Diskussion über die Auseinandersetzung um eine demokratische, antifaschistische Erinnerungskultur
Es ist eine außergewöhnliche Geschichte: Am 3. November 1944 wird der Marine-Obergefreite Rudolf Jacobs im Kampf gegen italienische Faschisten getötet. Rudolf Jacobs hatte als Angehöriger der deutschen Wehrmacht die brutale Vorgehensweise und die Massaker der deutschen Truppen an der Zivilbevölkerung mit ansehen müssen. Er entschloss sich zu einer Zusammenarbeit mit den italienischen Partisanen der Resistenza, denen er schon vor seinem Übertritt Informationen geliefert hatte. „Ich bin bereit, mein Leben zu geben, damit dieser sinnlose Krieg ein Ende findet,“ sagt er, als er sich am 3. September 1944 den Partisanen der Brigata Garibaldi Ugo Muccini vorstellt.[1] Drei Monate nach seinem Übertritt zur Resistenza, der italienischen Widerstandsbewegung, wurde Rudolf Jacobs in einem Feuergefecht seiner Partisaneneinheit mit italienischen Faschisten getötet. Was er getan hat, bleibt im Gedächtnis der Bevölkerung der Region. Von der Gemeinde Sarzana in Ligurien, wo das Gefecht stattfand, wurde er posthum mit der italienischen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet.
Auf deutscher Seite hat es zehntausende Deserteure gegeben. Ca. 23.000 wurden aufgrund von Urteilen der nationalsozialistischen Kriegsgerichte ermordet, andere kamen in Gefängnishaft oder Konzentrationslager.Der ehemalige Marinerichter und spätere Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Filbinger, der für mehrere Todesurteile gegen junge Soldaten verantwortlich war, wurde 1978 vom Spiegel mit dem Satz zitiert: „Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein!“ Zweckorientierte Kriegsinterpretationen und verklärende Kriegserinnerungen führten in der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu einer Ächtung der Deserteure. In der Bundesrepublik wurden sie jahrzehntelang als „Vaterlandsverräter“ diskriminiert und erst im Jahr 2002 vollständig rehabilitiert. Ihre Schicksale wurden weitgehend verschwiegen. Die Briefe von Widerstandskämpfern und Deserteuren an ihre Angehörigen erzählen uns, dass die Motive für ihr Handeln entsprechend persönlicher Einstellung und Lebenserfahrung sehr unterschiedlich waren. Unabhängig davon, ob sie sich als Antifaschisten verstanden, sich dem sinnlosen Abschlachten entzogen, von humanistischen oder religiösen Motiven getrieben waren, haben sie eines gemeinsam: Sie sind mutig ihrem Gewissen gefolgt.
[1] Marina Collaci, Adesso 6/2022 S. 35
In italienischen Städten und Ortschaften wurden die Männer, die den Mut besaßen, sich dem Befehlssystem einer verbrecherischen Militärmaschine zu widersetzen und ihrem eigenen moralischen Kompass zu folgen, durch Denkmäler, Gedenktafeln und posthume Verleihung von Tapferkeitsmedaillen geehrt. Der in Deutschland bis dato kaum bekannte Rudolf Jacobs wird in Italien als „Buon tedesco“, der gute Deutsche, verehrt. In Sarzana (Ligurien) wurde am Ort seiner Ermordung eine Gedenktafel an einem Pfeiler des Bürgerzentrums angebracht, in Parma eine Straße nach ihm benannt.

Inschrift:
Erleuchtet von der Göttin der Gerechtigkeit, befreit von der Unterwerfung unter die bestialische teutonische Wut – seine Tat war keine Fahnenflucht, sondern heldenhafter Aufstand:
Hier opferte sich der Kapitän der deutschen Kriegsmarine, Rudolf Jacobs – als Erster in den Reihen der Partisanen von Sarzana – für Italien, für die Freiheit, für ein ideales Vaterland.
Die Stadtverwaltung von Sarzana ließ diesen Gedenkstein am Ort des Opfers errichten.
Der Journalistin und Politologin Ulrike Petzold gebührt das Verdienst, durch ihr Buch „Rudolf Jacobs. Ein Bremer Partisan in Norditalien 1944“ , das Schicksal eines Deserteurs stellvertretend für viele andere, die desertiert sind und sich dem antifaschistischen Widerstand angeschlossen haben, in Deutschland bekannter zu machen. Sie zeichnet den ungewöhnlichen Schritt eines ungewöhnlich mutigen Menschen nach. Ulrike Petzold wird auf unserer Veranstaltung über ihre Recherchen und deutsch-italienische Projekte einer demokratischen Erinnerungskultur im Kontext der Geschichten von deutschen Soldaten in der Resistenza berichten.
Prof. Friedhelm Boll wird uns einen Einblick in die Situation in Griechenland geben, indem er die Schicksale von Deserteuren während der Kriegshandlungen in der Region Thessaloniki schildert.
Wir werden an diesem Abend viel Raum für die Diskussion zur Verfügung stellen; nicht nur, um die Dramaturgie „aufzulockern“, sondern auch, weil wir die Veranstaltung als inhaltlichen Impuls und Dialogforum im Kampf für eine demokratische Erinnerungskultur betrachten. Die AFD und andere reaktionäre Kräfte haben das erklärte Ziel, den Diskurs über Faschismus und den 2. Weltkrieg nach rechts zu verlagern. Verschweigen, Beschönigen, Tatsachen verdrehen sollen eine Analyse der Ursachen und einen demokratischen Lernprozess verdrängen.
Die Initiative für die Errichtung eines Denkmals für Deserteure in Bonn will mit ihrer Aktion ein deutliches Zeichen setzen:
Der 2. Weltkrieg war ein vom deutschen Faschismus und den ihn tragenden gesellschaftlichen Kräften geplanter Vernichtungskrieg. Deserteure haben sich geweigert, Teil einer Tötungsmaschinerie zu sein und als Befehlsempfänger einer menschenverachtenden Militärhierarchie zu fungieren. Es ist an der Zeit, dass auch in Bonn ihr mutiges Handeln durch ein Denkmal gewürdigt wird.
Die demokratischen Parteien und Gruppierungen haben die Initiative für ein Denkmal unterstützt. Die Bonner Initiative zu stärken ist ein zusätzliches Anliegen der Veranstaltung.
Wir freuen uns über Eure/Ihre zahlreiche Teilnahme.
Die Teilnahme ist kostenfrei. Es wird um eine Anmeldung gebeten unter: www.gsi-bonn.de/deserteure
