Wir beginnen unsere Reihe von Kurzbiographien mit einem Mann, dessen 800ster Todestag in diesem Jahr nicht nur in der katholischen Community gefeiert wird: San Francesco, der heilige Franziskus.

Wer war San Francesco?
Der Heilige, der Namensgeber für den beeindruckenden Vorgänger des jetzigen Papstes war.
Die Zeitschrift ADESSO hat in ihrer Ausgabe vom Januar 2026 einen Artikel zum 800. Jahrestag des Todes von San Franceso, dem italienischen Nationalheiligen veröffentlicht. Der folgende Text greift in freier Interpretation die grundlegenden Thesen und den Gedankengang dieses Artikels auf.
800 Jahre nach dem Tod des Mannes aus Assisi werden die Italiener ihren Lieblingsheiligen mit einem Feiertag ehren. Offensichtlich ist es Francesco gelungen, ein „posthumes Wunder“ zu realisieren. Denn Rechte und Linke im italienischen Parlament haben in seltener Einmütigkeit diesen Feiertag im Parlament beschlossen.
Was macht Francesco zum Nationalheiligen der Italiener? Zweifellos war die offizielle Ernennung zum „Patron Italiens“ durch Papst Pius XII. im Jahre 1939 lediglich die formale Bestätigung einer kulturellen Tatsache, nämlich der seit seinem Tod anhaltenden Verehrung des Heiligen in der Bevölkerung – unabhängig von sozialer Herkunft und weltanschaulicher Positionierung der Menschen. Francesco war und ist seit jeher Projektionsfläche für unterschiedliche, oft gegensätzliche Ideale, Einstellungen und Machtambitionen. Seine Biografie, die nur unzureichend durch Quellen gesichert ist, erscheint als Konglomerat widersprüchlicher Botschaften und Handlungen.
Er wird 1181 oder 1182 als Sohn des reichen Kaufmanns Pietro di Bernardone aus Assisi und der aus Frankreich stammenden Adligen Madonna Pica geboren. Sein ursprünglicher Name war Giovanni und seinen Beinamen Francesco erhielt er vom Vater aufgrund dessen Geschäftsbeziehungen mit französischen Kaufleuten. 1202 nimmt er an den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Assisi und Perugia teil, wird gefangen genommen, verzichtet nach seiner Freilassung in öffentlicher Bekundung vor dem Bischof auf alle weltlichen Güter und lebt fürderhin in absoluter Armut.[1]
Mit diesem radikalen Bruch und der Entscheidung für ein Christus geweihtes Leben hat er sich jedoch nie in Opposition zur offiziellen Kirche gestellt. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich von häretischen Strömungen, wie beispielsweise der seines Zeitgenossen, des Lyoner Kaufmanns Petrus Valdes, dessen religiöse Bewegung als ketzerische Sekte von der katholischen Kirche verfolgt wurde.
Francesco war ein Mann des Kompromisses. Er gründete eine Bruderschaft, die sich ganz der Armut und der Predigt im unmittelbaren Kontakt mit den Menschen der unteren Klassen widmen sollte. Doch schnell musste er seine ursprünglichen Ziele aufgeben, denn innerhalb der Institution Kirche war ein Bettelorden, der unmittelbar in der Bevölkerung agierte, nicht erwünscht. Der Preis für die Anerkennung der Bruderschaft als Orden war die Klerikalisierung der Bewegung. Der Inhalt der Predigten musste fürderhin mit den regionalen Kirchenoberen abgestimmt werden. Es folgte die Bürokratisierung des Ordens, die Institutionalisierung einer Hierarchie mit einem Generalminister an der Spitze, regionalen Leitungsorganen sowie einer komplexen Organisationsstruktur. Von der ursprünglichen „Fraternitas“ der Bewegung blieb nicht mehr allzu viel übrig. Weder die in den Predigten von San Francesco vermittelte Spiritualität, noch das brüderliche Leben in einer dem Evangelium gemäßen Form in direktem Kontakt mit den Armen passte in das institutionalisierte Ordenskonzept der Kirchenoberen. Francesco versuchte, diesen Prozess aufzuhalten, aber auch hier hat er niemals offene Opposition gegenüber der Kirchenführung praktiziert. Er blieb Mitglied des Ordens, zog sich jedoch – vermutlich verbittert und enttäuscht – aus der operativen Leitung zurück.[2]
Vielleicht sind es das ständige Lavieren zwischen dem Versuch, eine Alternative zur abgehobenen, verknöcherten Seelsorgepraxis und oft dekadenten Lebensweise des oberen Klerus zu bilden und der Integration in bestehende kirchliche Strukturen, seine in der Grauzone zwischen Häresie und Anpassung formulierten Botschaften, die zu seinem Mythos beigetragen haben und ihn attraktiv für Repräsentanten ganz unterschiedlicher weltanschaulicher, gesellschaftspolitischer Provenienz gemacht haben. Jedenfalls hat ihn offensichtlich gerade die Komplexität seiner Persönlichkeit für die offizielle Kirche attraktiv gemacht oder zumindest nicht daran gehindert, ihn schon bald nach seinem Tod zum Heiligen zu machen.
Die offizielle Kirche hat schon im 13. Jahrhundert versucht, die Biografie des charismatischen Predigers von gesellschaftskritischen, möglicherweise das feudale System und den Herrschaftsanspruch der kirchlichen Obrigkeit gefährdenden, Inhalten zu säubern. Eine erste Lebensbeschreibung, mit der Tommaso da Celano von Papst Gregor IX beauftragt worden war, stellte den Heiligen als konkreten, dem Irdischen zugewandten Menschen, der die Natur liebte, mit seinen Mitbrüdern Diskussionen führte und durchaus auch Glaubenszweifel hatte, dar. Das konnte dem hohen Klerus nicht gefallen, der Francesco ausschließlich in das bestehende theologische Lehrgebäude „einrahmen“ wollte. Folglich machte sich der 1257 zum Generalminister des Ordens gewählte Bonaventura da Bagnoregio daran, eine linientreue Biografie zu verfassen. In diesem neuen Text, Legenda Maior genannt, offeriert er uns ein Bild des Heiligen, das sich der Realität eines institutionalisierten Kirchenordens angepasst hat, der in der Zwischenzeit reich und mächtig geworden ist. Francesco wird zum perfekten Nachfolger Christi stilisiert und sein Armutsideal, das ja ursprünglich auch als Kritik an materiellem Reichtum und Prunkentfaltung der offiziellen Kirche gesehen werden konnte, wird auf ein theologisches Mysterium reduziert.[3]
Kaum erstaunlich, dass der Faschismus die reaktionäre Einrahmung des Heiligen und seine vielseitige Interpretierbarkeit dazu nutzte, um ihn für seine politischen Ziele zu instrumentalisieren und in infamer Weise die spirituellen Werte des Francesco mit dem autoritären Gesellschaftskonzept Mussolinis zu verbinden. Der italienische Historiker Alessandro Barbero berichtet in diesem Kontext von einem katholischen Priester mit Namen Paolo Ardali, der 1926 eine Broschüre mit dem Titel San Francesco und Mussolini veröffentlichte. Dummdreist fantasierte er eine Ähnlichkeit zwischen dem Duce und San Francesco herbei. Der eine auf Erden, der andere im Himmel seien sie beide Patrone des neuen Italien.[4] Die Glorifizierung von Francesco durch den Faschismus, seine Integration als Figur in die Rhetorik des Regimes hatten vor allem den Zweck, das Bündnis Mussolinis mit dem Vatikan, das durch das Konkordat von 1929 zwischen dem faschistischen Staat und der katholischen Kirche manifestiert wurde, ideologisch zu stabilisieren.
Das Generalkapitel des Ordens entschied zwar 1266, dass der Text von Bonaventura die einzige und maßgebliche Biografie von San Francesco sei. Glücklicherweise war jedoch die darauf folgende Säuberungsaktion des Klerus, mit der alle anderen biografischen Zeugnisse den Augen der Öffentlichkeit entzogen werden sollten, nicht so erfolgreich, wie es der reaktionäre Klerus gehofft hatte. Die Schrift des Tommaso und andere Texte zum Leben des Heiligen konnten „überleben“.
Auf diese Quellen kann sich eine Rezeption der Lebensgeschichte von San Francesco stützen, die ihn als Schutzpatron der Armen und als einen Menschen sieht, der durch sein Wirken die ungerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums und das daraus resultierende Elend breiter Bevölkerungsschichten angeklagt hat. Ganz sicher hat der ehemalige Papst, als er sich den Namen Francesco gegeben hat, diesen Menschen und nicht die abgehobene, ihrer irdischen Wirksamkeit beraubte Figur der Kirchenhierarchie als sein Vorbild gesehen.
[1] Siehe Salvatore Viola, Francesco. In: ADESSO 1/26, S. 32
[2] Siehe ebenda, S.33
[3] Siehe ebenda S. 33
[4] https://www.youtube.com/watch?v=5o_0Ca4e85k&t=291s

