Der folgende Text, der einer Predigt entnommen ist, macht deutlich, dass diese Frage positiv beantwortet werden kann – unabhängig vom religiösen oder weltanschaulichen Standpunkt
Brauchen wir noch Kirchbauten – und wenn ja, wozu?
Diese Frage stellte in einer Predigt zum 50-jährigen Jubiläum der Pfarrkirche St. Mariä Empfängnis in Siegburg der katholische Priester Uli Kollwitz. Uli, der Mitglied unserer Initiative ist, hat sich als Missionar in Kolumbien für Menschenrechte, gegen die Gewalt des Regimes und für die Rechte der Armen eingesetzt. Er verbindet die Frage nach der Legitimität der Existenz von Kirchenbauten mit seinem Credo: Die gesellschaftliche Aufgabe der Kirche ist, menschenwürdige Bedingungen für alle zu schaffen, insbesondere für diejenigen, die unterdrückt und ausgebeutet sind. Denn sie sind es in erster Linie, an die die Botschaft Jesu gerichtet ist.
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Im Folgenden der Wortlaut der Predigt vom 15. Januar 2026 als Text
Wir sind heute hier zusammengekommen, um die Einweihung unserer Pfarrkirche St. Mariä Empfängnis vor 50 Jahren zu feiern. Bei vielen von uns werden an diesem Tag sicher schöne Erinnerungen wach: an Taufen, Erstkommunionen, Firmungen, Hochzeiten und Jubiläen, die schon lange zurückliegen.
Doch heute drängt sich uns eher eine andere Frage auf:
Werden wir diese Kirche überhaupt noch lange brauchen?
Denn wie fast überall in unseren Breiten bleibt auch die Kirche hier auf dem Stallberg immer leerer, und die wenigen Besucher werden immer älter. Ständig hören wir von Kirchen, die geschlossen, entwidmet und verkauft werden. Der Michaelsberg, das Wahrzeichen unserer Stadt Siegburg, ist vor ein paar Jahren nur knapp diesem Schicksal entkommen.
Vom „heiligen Ort“ zum offenen Raum
Vielleicht sollten wir unsere Frage anders stellen:
Nicht ob, sondern wozu wir in Zukunft Kirchen noch brauchen können.
Viele von uns erinnern sich an das, was wir früher im Katechismus gelernt haben:
Die Kirche war ein heiliger Ort, an dem geweihte Personen heilige Kulthandlungen vollzogen, an denen wir Gläubigen besonders an heiligen Zeiten und Tagen teilzunehmen hatten, um unser individuelles Seelenheil zu erwirken. Das alles war verbunden mit strengen Regeln und einem ehrfurchtgebietenden Personenstand.
Dieses Konzept von Heiligkeit – gebunden an Orte, Zeiten, Regeln und besondere Personen – ist heute nur noch für wenige Gläubige von Bedeutung. Entsprechend hat sich unser Verhalten in der Kirche gelockert. Es finden zahlreiche nicht-liturgische Veranstaltungen statt, etwa Konzerte. Wir applaudieren – manchmal sogar im Gottesdienst.
Kirchen als Orte vielfältiger Veranstaltungen
In unseren Kirchen finden heute viele Veranstaltungen statt, die nicht dem traditionellen liturgischen Rahmen entsprechen. Regelmäßig gibt es Konzerte, die unterschiedliche Musikrichtungen und Künstlerinnen und Künstler in den sakralen Raum bringen. Diese kulturellen Ereignisse bereichern das Gemeindeleben und öffnen die Kirche für ein breiteres Publikum.
Auch während des Gottesdienstes hat sich manches verändert:
Es ist mittlerweile üblich, dass die Gemeinde Beifall spendet – für musikalische Darbietungen, besondere Beiträge oder bewegende Momente. Die Kirche wird so nicht nur als Ort des Gebets wahrgenommen, sondern immer mehr auch als Raum der Begegnung und der Gemeinschaft.
Zu besonderen Anlässen bleiben wir nachher noch zusammen, unterhalten uns, essen und trinken etwas. Die Kinder dürfen sich freier bewegen. Vieles hat sich verändert – und das völlig zu Recht.
Jesus selbst stellt das alte Konzept der Heiligkeit infrage
Denn dieses traditionelle, ja antiquiert wirkende Konzept des Heiligen hat Jesus selbst schon vor 2.000 Jahren gründlich in Frage gestellt.
- Er hielt sich nicht an die engen Regeln des Sabbats.
- In Jerusalem rief er den Bewunderern des Tempels zu:
„Hier wird kein Stein auf dem anderen bleiben.“ - Der samaritischen Frau am Jakobsbrunnen sagte er:
Es ist egal, an welchem Ort wir Gott anbeten. Es kommt darauf an, ihn im Geist und in der Wahrheit anzubeten.
Damit ist klar:
Als heilige Orte, um mit Gott in Verbindung treten zu können, brauchen wir große Kirchen nicht.
Kleine Kapellen, Orte der Stille, das eigene Kämmerlein oder die Natur reichen völlig aus.
Was ist uns heute überhaupt noch heilig?
Ist uns überhaupt noch etwas heilig – außer vielleicht der Mittagsschlaf oder der Urlaub?
Wir kennen den Ausspruch:
„Es gibt Leute, denen ist nichts heilig.“
Damit meinen wir Menschen, die kein Gewissen haben, die über Leichen gehen.
Wenn wir nicht zu diesen Menschen gehören wollen, dann muss für uns das Gegenteil gelten:
Das Leben unserer Mitmenschen sollte uns heilig sein.
Bei Jesus war das ohne Zweifel so. In den acht Seligpreisungen stellt er sich klar auf die Seite der Armen, der Trauernden, der Sanftmütigen, derer, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit. Vorbild sind für ihn die Barmherzigen, die ein reines Herz haben, die Frieden stiften und die es riskieren, um der Gerechtigkeit willen verfolgt zu werden.
Seine frohe Botschaft lautet:
Gott ist mit den katastrophalen Zuständen der Welt nicht einverstanden.
Er ruft uns auf, in seine Nachfolge zu treten, um diese Zustände zu verändern.
Eine Aufgabe, die wir nur gemeinsam bewältigen können
Eine so große Aufgabe kann niemand allein schaffen.
Das geht nur in Gemeinschaft – und mit viel Geduld.
Deshalb sollten wir alles dafür tun, solange wir Handlungsspielraum und Freiheit genießen, unsere Räumlichkeiten – auch die Kirchen – zu erhalten und in den Dienst dieser heiligen Sache zu stellen: Menschenwürdige Lebensbedingungen für alle zu schaffen, besonders für die am meisten Benachteiligten.
Die Herausforderungen liegen längst vor unserer Haustür
Nach Betätigungsfeldern müssen wir nicht lange suchen. Sie liegen längst vor unserer Haustür:
- Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander – und das rasend schnell.
- Die Wohlstands- und Konsumgesellschaft, in der wir groß geworden sind, geht unweigerlich zu Ende.
- Die Probleme, unter denen unsere Gesellschaft und Zivilisation zu zerbrechen drohen, sind bekannt:
- Umweltzerstörung und Klimawandel
- Aufrüstung und Krieg
- Rassismus und Diskriminierung von Minderheiten
Im Geist unseres christlichen Glaubens an der Lösung dieser Probleme mitzuwirken – darin besteht die Herausforderung der Zukunft.
Und dazu können wir unsere Kirchen bestens brauchen.
Kirchen als Räume der Solidarität und des Engagements
Kirchen können zu Zufluchtsorten werden für besonders bedrohte Menschen, etwa im Rahmen des Kirchenasyls.
Viele Themen könnten dort auf vielfältige Weise präsentiert und bearbeitet werden:
- Ausstellungen
- Vorträge
- Theateraufführungen
- Konzerte
- Friedensgebete
- Solidaritätsaktionen
Liebe Gemeinde, lasst uns gemeinsam dafür kämpfen, dass diese Kirche nicht nur als Bauwerk, sondern als Ort der solidarischen Gemeinschaft erhalten bleibt. So wie sie der Apostel Paulus beschrieben hat:“Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galater 3, 28)

