Am 7. August 2026 trat der ultrarechte, mit äusserst knapper Mehrheit gewählte Abelardo de la Espriella sein Amt als neuer Präsident von Kolumbien an. Sein Wahlspruch, besser gesagt sein Schlachtruf war vom ersten Tag an der Ausruf: „!Viva Cristo Rey! – Es lebe Christus König!“ Er führte seinen Wahlkampf mit dem Versprechen, mit harter Hand gegen jede Art von Kriminalität und alle subversiven Gruppen vorzugehen, um so Sicherheit zu garantieren. Die Politik der Konstruktion des „Totalen Friedens“ der Vorgängerregierung war von einem Tag auf den anderen nichts mehr wert. Das Land steht vor einem Rückschritt in eine neue Gewaltspirale.
Mit seinen radikalen Positionen gibt Abelardo de la Espriella zu verstehen, dass Kolumbien vor einer Zeitenwende steht, vor einem geschichtlichen Neuanfang, und bereit ist, ähnlich wie die spanischen Eroberer vor 500 Jahren einen heiligen Krieg, einen Kulturkampf zu führen.
Angesichts dieses bedrohlichen Szenariums verfasste der Theologe und Anthropologe Jesús Alfonso Flórez López, langjähriger Mitstreiter in der Indigenenpastoral im Bistum Quibdó, am 13. Oktober, einen Tag nach dem alljährlichen Gedenktag der „Entdeckung“ Amerikas folgenden Artikel:
Nullpunkt und Christus König
Unsere Erinnerung kehrt unermüdlich ein ums andere mal zum Ausgangspunkt unserer Kolonialgeschichte zurück. Jedes Jahr am 12. Oktober hallt das Echo des Beginns der unvollendeten Invasion wider – jener Invasion derer, die einst nur Gold, Gewürze, Frauen und Arbeitskräfte sahen, die es zu versklaven und zu domestizieren galt.
Doch wie ließen sich diese Gier und Habsucht rechtfertigen? Wie ließen sich Invasion und Unterwerfung rechtfertigen? Wie konnte man die einheimischen Völker Glauben machen, dass diese Übel gar keine waren, sondern zu ihrem eigenen Wohl notwendig?
Hier kam den Eroberern ihre große Wahrheit zu Hilfe, die unfehlbare Autorität, die verkündete, was richtig, gerecht und heilig war, verkörpert im Denken der Christenheit, im Gegensatz zum Unbekannten, das als dessen genaues Gegenteil bewertet wurde. Die Christenheit war es gewohnt, Juden zur Konversion zu zwingen, Muslime zu vertreiben und abweichende Meinungen als Hexerei und Ketzerei zu verfolgen.
Von jenem Moment an wollten sie den Nullpunkt der Geschichte festlegen, im Bewusstsein, alles vorher Existierende als teuflisch zu brandmarken, um es in Territorium für Christus, König des Universums, zu verwandeln, der den Papst als seinen Stellvertreter eingesetzt hatte, wie es das unakzeptable Requerimiento[1] besagte.
Demgemäss eroberte man nicht für die spanische/portugiesische Krone, sondern für Christus, den wahren König. Es war ein Kampf gegen die Mächte des Bösen, um das selbsternannte Reich des Guten zu errichten.
Heute, im Rahmen dieser Erinnerung, gelangen wir an einen Moment, an dem die Idee des Nullpunkts erneut auftaucht, eines neuen Anfangs in der Geschichte Kolumbiens, der jetzt aber die unausrottbare Vision vollenden will, ein natürliches Materiallager für Kolonialmächte zu sein, die nun neben Gold auch nach Energiequellen, „Seltenen Erden“ und mehr suchen.
Nullpunkt auch für die Durchsetzung eines vereinheitlichenden Gedankenguts in Bezug auf die Familie, die Frau und eine Neudefinition von Rechten auf Grundlage einer Idee des „Regierens nach göttlichem Willen“. Hier wird die Strategie des „Heiligen Krieges“ erneut angewendet, nun in Form eines „Kulturkampfes“, der auf der Prämisse beruht, das Land sei vom rechten Weg abgekommen. So wird die koloniale Denkweise des Nullpunkts, der Etablierung einer „wahren“ Zivilisation nachgeahmt und wiederbelebt, die auf dem Ruf nach Christus König gründet.
Mitten im 21. Jahrhundert ruft die Erinnerung die Jaibaná, Curacas, Taitas, Babalaos und andere spirituelle Figuren, Männer und Frauen, der indigenen und afroamerikanischen Bevölkerung auf den Plan, die den anhaltenden kulturellen Widerstand gegen die beabsichtigten Homogenisierungsversuche des Kolonialismus verkörpern. Mit ihnen ist es heute unerlässlich, den Pluralismus als Mittel zum Aufbau eines friedlichen, auf Gleichberechtigung beruhenden Zusammenlebens zu bekräftigen, das auf der Jahrtausende alten Geschichte dieses Kontinents basiert, deren Nullpunkt nicht die westliche christliche Zivilisation ist, sondern das angestammte Recht seiner Ureinwohner.
Pluralismus, der es uns ermöglicht, den Menschen aus der Perspektive der Vielfalt, der Gedankenfreiheit und der Glaubensfreiheit für eine Interaktion mit dem Anderssein neu zu denken.
[1] Das Requerimiento (Aufforderung, Mahnung) war ein Dokument, das, wenn es zu einem ersten Kontakt zwischen indigenen und kastilischenTruppen kam, von einem öffentlichen Beamten, meist in spanischer Sprache, verlesen wurde. Die Ureinwohner aufgefordert, die Autorität des Papstes und der spanischen Könige anzuerkennen und sich zum Evangelium zu bekehren, um so als freie christliche Untertanen der Krone von Kastilien zu leben. Falls die Ureinwohner einwilligten, wurden ihnen ihr Eigentum und ihr Landbesitz garantiert. Wenn sie nicht zustimmten, was meist aufgrund fehlender Sprachkenntnisse der Fall war, wurde festgestellt, dass sie Feinde Gottes und der Krone seien. Das berechtigte das Eroberungsheer zu anschließenden militärischen Aktionen. Die endeten üblicherweise damit, dass der Besitz der Ureinwohner als Kriegsbeute eingezogen wurde und sie versklavt werden durften. (Wikipedia-Artikel zum Begriff R.)

