Der folgende Beitrag wurde von unserem Mitglied Uli Kollwitz verfasst. Uli hat 40 Jahre in der Region Chocò in Kolumbien als Missionar gearbeitet. Er hat dort wesentlich zum Aufbau und zur Stabilisierung der Basisgemeinden beigetragen. Im Rahmen dieser Arbei war er ständig mit der Gewalt konfrontiert, die durch die Auseinandersetzungen zwischen den Paramilitärs, der Guerilla und der offiziellen Armee immer wieder ausbrach. Die Organisation des Schutzes der Bevölkerung und die Verteidigung ihrer Rechte waren ein Schwerpunkt seiner Arbeit.
Gerechtigkeit und Frieden im kolumbianischen Gewaltkonflikt
Am 31. Dezember 1975 betrat ich zum erstenmal kolumbianischen Boden. Als 23jähriger Theologiestudent hatte ich die Gelegenheit zu einem zweijährigen Pastoralpraktikum. Damals wehte noch ein vom zweiten vatikanischen Konzil ausgelöster Geist der Erneuerung durch die katholische Kirche. Während in der deutschen Öffentlichkeit meist nur die Liturgiereform wahrgenommen wurde, hatte sich in Lateinamerika eine Theologie der Befreiung entwickelt, welche die Kirche mit grundlegend neuen politischen Herausforderungen konfrontierte. Ich war gespannt, wie die Option für die Armen und das Konzept der kirchlichen Basisgemeinden im pastoralen Alltag umgesetzt würden.
Ein Thema, um das zu der Zeit heftig gestritten wurde, war die Frage, ob gewaltsamer Widerstand gegen ein Unrechtsregime auch für Christen zu rechtfertigen wäre. Zehn Jahre zuvor war der Studentenpfarrer der Nationaluniversität in Bogotá, Camilo Torres, der Guerillabewegung ELN beigetreten, geriet bei seinem ersten Einsatz in einen Hinterhalt der Armee und wurde erschossen. Für viele wurde er zu einem Märtyrer, als die verschiedenen Guerillaorganisationen unter der armgehaltenen Bevölkerung noch erhebliche Sympathien genossen. Die kirchlichen Obrigkeiten dagegen standen fast gänzlich auf der Seite der Regierung und des Militärs und vertraten die Interessen der Oberschicht. Das Volk durfte lediglich auf milde Gaben und gute Werke der Reichen hoffen. Charismatische Bewegungen wurden gefördert, die kirchlichen Basisgemeinden waren ihnen ein Dorn im Auge.
Das zweite Jahr meines Praktikums durfte ich in der Provinz Chocó im tropischen Regenwald der Pazifikregion absolvieren unter einer Bevölkerung von 85% Afroamerikanern und 10% Indigenen. Auch dort war in der Umsetzung der Option für die Armen und dem Aufbau von kirchlichen Basisgemeinden noch nicht viel passiert. Aber es gab einen Unterschied. In diesem abgelegenen, unzugänglichen, armen Bistum Quibdó bestand grosse Freiheit, Initiativen zu ergreifen. Das motivierte mich, nach Beendigung des Studiums dorthin zurückzukehren und 40 Jahre im pastoralen Einsatz zu bleiben.
Basisorganisation…
In den 80er Jahren berief der neu ernannte Bischof Jorge Iván Castaño jährliche Vollversammlungen aller Pastoralteams ein, um einen an der Befreiungstheologie ausgerichteten Arbeitsplan zu entwickeln. Wir lebten in den Gemeinden, lernten die Menschen kennen und boten Kurse für Alfabetisierung, Gesundheit, Bibelarbeit und anderes mehr an. Gemeinsam machten wir uns nach der Methode „Sehen, Urteilen, Handeln“ auf die Suche nach dem Kernproblem, das einem guten Leben für Alle im Wege stand. Mit der Zeit wurden wir fündig.
Denn obwohl die Afrogemeinden im Chocó sich als Eigentümer des Landes fühlten, auf dem sie bereits seit Generationen lebten, gab es darüber keine Urkunden. Offiziell betrachtete der Staat dieses Land als nationale Forstreserve. Individuelle Landtitel für die von mehreren Zehntausend Familien bewirtschafteten Parzellen zu beantragen, wäre ein endlos langer und praktisch unbezahlbarer Weg gewesen. Zudem war es wichtig, den grössten Reichtum der Gemeinden, das Hinterland mit den ausgedehnten Wäldern und Seen, welches ihre Lebensgrundlage bildete, mit einzuschliessen. Das ging nur durch den Erwerb eines kollektiven Landtitels nach Vorbild der Reservate der Indigenen. Der Aufbau starker Basisorganisationen war für das Erreichen eines so hoch gesteckten Ziels unabdingbar. So entstand die „Asociación Campesina Integral del Atrato – ACIA“, bis heute die grösste und stärkste Bauernorganisation der Afrogemeinden. Atrato ist der Name des Hauptflusses, der Lebensader des Territoriums.
…und ziviler Widerstand
Damals war es im Chocó noch ruhig und friedlich. Es gab keine Militärstützpunkte und die Guerilla war nur sporadisch präsent. Der Chocó war kein Kampfgebiet. Andernfalls wäre dieser Organisationsprozess kaum möglich gewesen. Zwar regte sich Widerstand bei den lokalen Politikern und den regionalen Holzfirmen. Wir Missionare wurden als Kommunisten geschmäht und beschuldigt, uns in Dinge einzumischen, die uns nichts angingen. Doch eine öffentliche Erklärung des Bischofs, dass die Arbeit der Missionare auf der Grundlage des Pastoralplans fusste, reichte aus, um derartige Attacken auszubremsen.
Im Jahr 1991 wurde eine nationale verfassungsgebende Versammlung gewählt. Damit bot sich die ausserordentliche Gelegenheit,einen Gesetzesvorschlag einzubringen, um der Afrobevölkerung den Status einer etnischen Minderheit zu verschaffen und kollektiven Landbesitz zu ermöglichen. Zusammen mit anderen Basisorganisationen besetzte die ACIA eine Woche lang das Bürgermeisteramt, den Sitz der Landreformbehörde und die Kathedrale in Quibdó, sowie die Botschaft von Haiti in Bogotá. Präsident von Haiti war damals der Befreiungstheologe Bertrand Aristide. Diese Besetzungen erregten Aufsehen. Es gelang die Aufnahme eines Artikels in die neue Verfassung, der den Staat verpflichtete, innerhalb von zwei Jahren ein Gesetz für die Rechte der afroamerikanischen Minderheit zu verabschieden, welches dann auch wirklich 1993 in Kraft trat. So bekamen die 120 Gemeinden der ACIA mit ihren 45 000 Einwohnern ein Territorium von 800 000 Hektar als kollektiven Landbesitz zugesprochen.
Die Freude über diesen enormen Erfolg war leider nur von kurzer Dauer. Im Mai 1997 wurde das friedliche Leben der Gemeinden im gesamten Atratobecken abrupt beendet, als paramilitärische Verbände von der Mündung aus eindrangen und die grösseren Dörfer besetzten. Die Paramilitärs bedrohten, folterten und ermordeten willkürlich zahlreiche ihnen verdächtige Personen, verhängten Ausgangssperren und Lebensmittelblockaden und kontrollierten den Verkauf von Benzin. Angeblich wollten sie den Chocó von der Guerilla befreien. Das wahre Ziel dieses Terrors war jedoch, die Bevölkerung gewaltsam von ihrem mittlerweile legal anerkannten Besitz zu vertreiben, denn sie störte bei der Planung grosser Wirtschaftsprojekte wie Palmölplantagen oder Goldbergbau. Die Hintermänner, die diese Operation organisierten und finanzierten, blieben im Dunkeln.
Die Invasion der Paramilitärs hatte eine verstärkte Präsenz der Guerilla zur Folge, die mit dem Anspruch auftrat, das Territorium im Namen der Armen und Unterdrückten mit Waffen zu verteidigen bzw. zurückzuerobern. Die Zivilbevölkerung stand nun permanent zwischen den Fronten. Das Land gehörte jetzt zwar ihnen, aber es war zum Kampfgebiet geworden. Die neue Herausforderung war, sich nicht vertreiben zu lassen. Dafür setzten die Basisorganisationen auf zivilen, gewaltlosen Widerstand. Sie erklärten alle bewaffneten Akteure zu Invasoren und forderten sie auf, das Territorium zu räumen und die Gemeinden in Frieden zu lassen. Sobald eine bewaffnete Gruppe ein Dorf betrat, wurde der Dialog mit dem jeweiligen Kommandanten gesucht. Dafür entwickelten die Gemeinden kluge Strategien. So übertrug man in der Regel die Aufgabe, das Wort zu ergreifen, älteren Frauen, die gut die Mütter der jungen Kämpfer hätten sein können. Das dämpfte erheblich das Aggressionspotential. Für die Feldarbeit kleideten sich Alle in helle Farben. In den Booten wurden Betttücher als weisse Fahnen mitgeführt.
Selbstverständlich unterstützte unser Bistum die Position der Gemeinden. Wir ergriffen Partei für die unbewaffnete Zivilbevölkerung und damit gegen alle illegalen und auch legalen bewaffneten Akteure. Denn die gab es seit Dezember 1997 ebenfalls, als das Militär in der kleinen Urwaldstadt Quibdó ein Bataillon mit Hubschrauberlandeplatz einrichtete und Kriegsschiffe auf dem Atrato patroullierten. Unser erster Beitrag bestand in der Vermittlung von Kenntnissen über die Menschenrechte und das humanitäre Völkerrecht, speziell die Zusatzklauseln der Protokolle von Genf über die Regeln im Krieg zum Schutz der zivilen Personen und Einrichtungen wie Schulen, Kirchen und Gesundheitsstationen. Die Kommandanten staunten nicht schlecht, dass Bäuerinnen im Regenwald in solchen Themen bewandert waren und argumentieren konnten. Gemeinsam mit den Basisorganisationen einigten wir uns ausserdem darauf, alle erwiesenen und belegbaren Gewalttaten öffentlich im Namen des Bistums zur Anzeige zu bringen und möglichst weit zu verbreiten. Das half, die Häufigkeit der Gewaltakte spürbar einzudämmen. Denn alle Kriegsparteien wollen ja in der Öffentlichkeit immer als die Guten dastehen. Böse ist stets nur die Gegenseite.
Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, die vielfältigen und einfallsreichen Massnahmen des gewaltfreien Widerstands der Gemeinden im Bistum Quibdó zu schildern. Doch zusammenfassend darf ich sagen: trotz der vielen Opfer hat es sich gelohnt. Von der Landbevölkerung im Bistum Quibdó sind 80% nicht vertrieben worden. Das Territorium ist noch immer im Besitz der Gemeinden.
Fazit
Eines konnte ich an der Seite der Leidtragenden des jahrzehntelang immer mehr eskalierenden Konflikts lernen: Gewaltanwendung ethisch zu rechtfertigen, führt unweigerlich in ein Dilemma: wer an ethischen Prinzipien festhält, der geht militärisch unter und wer sich militärisch behaupten will, muss nach und nach notgedrungen seine ethischen Prinzipien über Bord werfen. Die in jungen Jahren so heiss diskutierte Frage, ob gewaltsamer Widerstand gegen ein Unrechtsregime für uns Christen gerechtfertigt ist, hat für mich keinen Sinn mehr. Der Weg der Gewalt führt in die Irre. Gewaltfreier Widerstand ist der bessere Weg. Camilo Torres hätte als Märtyrer der Studentenbewegung mehr Widerstandskräfte in Bewegung gesetzt als in der Guerilla. Davon bin ich heute überzeugt.
Seit fast fünf Jahren bin ich nun wieder in Deutschland im Ruhestand und muss mit Schrecken erleben, wie Aufrüstung und Militarismus hier inzwischen die öffentliche Meinung dominieren und jeglicher Dialog mit der Gegenseite prinzipiell abgelehnt wird. Es fällt mir schwer zu verstehen, was mittlerweile in den Köpfen vieler Politiker und „Experten“ vor sich geht. Selbst in den Kirchenleitungen, gleich welcher Konfession, scheint es an Mut oder Einsicht zu fehlen, auf der Suche nach Sicherheit und Frieden eine klare Position im Geist des Evangeliums einzunehmen. Dabei steht das Leben so vieler Menschen auf dem Spiel. Mir kommt dazu nur ein Satz des von mir bereits oben genannten und sehr geschätzten Bischofs Jorge Iván Castaño in den Sinn: „Um Opfern der Gewalt zu helfen und Menschenleben zu retten, rede ich mit jedem, sogar mit dem Teufel.“

