Anmerkungen zur Enzyklika Magnifica Humanitas

135 Jahre nachdem sein Namensvetter Leo XIII. mit der Enzyklika Rerum Novarum sich mit der industriellen Revolution beschäftigte und seine Schäfchen vor der Gefahr der gottlosen Arbeiterbewegung warnte, hat der aktuelle Papst sich in der Enzyklika Magnifica Humanitas mit der künstlichen Intelligenz und einer entfesselten kapitalistischen Gesellschaft auseinandergesetzt. Magnifica Humanitas (MH) ist ein politischer Text, der im Unterschied zu Rerum Novarum Krisenursachen im Mechanismus kapitalistischer Ausbeutung verortet und Stellung bezieht: „Eine gerechte soziale Ordnung im digitalen Zeitalter ist eine, die allen einen gleichberechtigten Zugang zu Chancen garantiert, die Jüngsten und die Fragilsten schützt, Hass und Desinformation bekämpft und die Nutzung von Daten und Technologien einer öffentlichen Kontrolle unterwirft, damit nicht der bloße Profit zum Maßstab wird, sondern die Würde eines jeden Menschen und das Wohl der Völker.“[1]

Antikapitalistische Perspektive

Während die Mehrheit des politischen Establishments die Künstliche Intelligenz unter einem wesentlich technokratischen Gesichtspunkt betrachtet, stellt der Papst die Machtfrage. Wer kontrolliert die neuen Technologien und zu wessen Nutzen werden sie eingesetzt? Es sind nicht mehr die staatlichen Administrationen, sondern private Konzerne und mächtige kapitalistische Potentaten, die heute die komplexen riesigen Infrastrukturen des digitalen Kosmos beherrschen. Typen mit merkwürdigen Charakterstrukturen und Weltherrschafts-Ambitionen wie Thiel und Musk können durch gigantische Datenbestände, Rechnerkapazitäten und fast unbegrenzte finanzielle Ressourcen auf globaler Ebene de facto monopolartige Strukturen aufbauen und besitzen selbst gegenüber Großmächten ein enormes Erpressungspotenzial. Der Papst hat in aller Deutlichkeit auf diese gefährliche Machtkonzentration hingewiesen. „Zu den Gütern, die universal für alle bestimmt sind, müssen wir heute auch die neuen Formen des Eigentums zählen: Patente, Algorithmen, digitale Plattformen, technologische Infrastrukturen, Daten. In einem Kontext, in dem der Reichtum der Nationen immer mehr von Wissen und Technologien abhängt, entsteht ein neues Ungleichgewicht, wenn diese Güter ohne angemessene Teilhabe und Zugangs-möglichkeiten in den Händen weniger konzentriert bleiben: Dies widerspricht der allgemeinen Bestimmung der Güter und vergrößert die Kluft zwischen den Teilhabenden und den Ausgeschlossenen, zwischen denen, die an der digitalen Revolution teilhaben können, und denen, die am Rande stehen.“[2

Andererseits sieht er die Dichotomie der neuen Technologien. KI eröffnet enorme Möglichkeiten der Erkenntnisgewinnung und der Verknüpfung von Phänomenen, birgt aber auch Risiken hinsichtlich der ethischen Legitimität ihres Einsatzes.  Die Enzyklika betrachtet KI keineswegs ausschließlich als Gefahr, sondern hoffnungsvoll, weil sie im gesellschaftlichen Kontext einer verantwortungsvollen, auf die menschlichen Bedürfnisse orientierten Handhabung das Leben der Menschen erleichtern und zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen auf unterschiedlichen Ebenen beitragen kann. Andererseits aber auch mit kritischer Wachsamkeit: Künstliche Intelligenz darf nicht zu einem Instrument der Entfremdung werden, das den Einzelnen auf seine Funktionsfähigkeit in einem profitorientierten System und ein kommerzielles Objekt reduziert, sondern muss die jedem Individuum innewohnende Würde und das Wohlergehen des Menschen als Handlungskompass haben.

Rekurs auf das Alte Testament

Die Rolle der neuen Technologien und des technischen Fortschritts schlechthin muss ein Papst selbstverständlich auch theologisch interpretieren. Dazu nutzt er zwei Erzählungen des alten Testaments: Für die Hybris und Machtbesessenheit verwendet er das Bild des Turmbaus zu Babel, für die humane Chance den Bericht des Propheten Jeremias über den Wiederaufbau der Mauern Jerusalems, der nur durch das brüderliche, solidarische Handeln der Menschen möglich war.

Kritik der eigenen Organisation

Als Linker, der ich keiner Konfession angehöre, hat mich besonders gefreut, dass Leo XIV. die Dinge beim Namen benennt und auch Kritik an seiner eigenen Organisation übt. Er weist auf die indifferente und teilweise sogar apologetische Haltung gegenüber der Sklaverei hin, die die Kirche über Jahrhunderte eingenommen hat. „Dennoch können wir die Verzögerung nicht leugnen oder herunterspielen, mit der die Kirche und die Gesellschaft die Geißel der Sklaverei verurteilt haben. Während in der Antike und im Mittelalter viele Personen und Institutionen der Kirche Sklaven besaßen, ist der Apostolische Stuhl in Rom noch in der Neuzeit auf Drängen von Herrschern mehrfach tätig geworden, um die Methoden der Unterwerfung und in einigen Fällen der Versklavung von ´Ungläubigen` zu regeln und zu legitimieren.“[3 Auch die ideologische und praktische Unterstützung der Kirchenhierarchie für den europäischen Kolonialismus und die Kumpanei mit autoritären Regimen finden Erwähnung.

Neben einer grundsätzlichen Verurteilung des Kriegs als Mittel der Konfliktlösung und der Kritik an der Rüstungsindustrie als Triebkraft für kriegerische Entscheidungen, weist Leo XIV. auf die gefährliche Rolle von KI-Steuerungssystemen beim Einsatz von Raketen und Drohnen hin. Die aktuelle Brisanz dieses Themas wird deutlich, wenn man in Betracht zieht, dass im Krieg zwischen Russland und der Ukraine von einer kriegführenden Macht zum ersten Mal eine Drohne eingesetzt worden ist, die ohne menschliches Eingreifen, ausschließlich auf der Basis algorithmischer Konstellation Entscheidungen über die Auswahl von Zielen getroffen hat. Wenn man darüber nachdenkt, wird klar, dass sich hier ein Sündenfall ereignet hat, der  nicht nur die Kriegsführung verändern könnte, sondern auch ein enormes globales Eskalationsrisiko beinhaltet. Der Papst hat sich schon vor diesem erschreckenden Ereignis zur Frage der Digitalisierung des Kriegs geäußert: „Wenn die Entscheidung zum Angriff automatisiert oder undurchsichtig wird, steigt das Risiko des Verlusts von Verantwortlichkeit. Deshalb muss die Verantwortungskette identifizierbar und überprüfbar bleiben: Diejenigen, die entwickeln, ausbilden, genehmigen und einsetzen, müssen für ihre Entscheidungen Rechenschaft ablegen können. Das zweite Kriterium betrifft den Zeitrahmen des moralischen Urteils. KI neigt dazu, Entscheidungszeiten zu komprimieren; doch im Krieg dürfen für irreversible Entscheidungen nicht Schnelligkeit und Effizienz die obersten Kriterien sein. Das dritte Kriterium ist die Unterscheidung und der Schutz von Zivilisten. Jede Technologie, die es einfacher macht, anzugreifen, ohne das Gesicht des anderen zu sehen, senkt die moralische Schwelle des Konflikts. Bei der Auswahl von Zielen und der Anwendung von Gewalt dürfen weder Kombattanten und Nonkombattanten verwechselt werden, noch dürfen die Auswirkungen auf wehrlose Bevölkerungsgruppen ignoriert werden.“[4] Diese Worte sollten denjenigen ins Stammbuch geschrieben werden, die voller Euphorie die Integration der KI in militärische Systeme als Gamechanger im Kampf gegen den wohlbekannten Feind betrachten und sich keine Gedanken darüber machen, wie man durch internationale Vereinbarungen der Bedrohung unserer Zivilisation durch automatisierte Vernichtung entgegenwirken kann.


Einige kritische Anmerkungen

Beim Vergleich des Turmbaus zu Babel und dem „Weg des Jeremias“ behauptet die Enzyklika, dass dieses Modell nur mit Gott funktioniere. Ohne Gott würde dieses Modell einem Sprachgewirr zu Babel gleichen. Der Weg des Jeremias als Modell braucht aber keinen Herrn im Zentrum, um zu funktionieren. Als „Nichtgläubiger“ sehe ich das natürlich anders: Dieser Weg braucht Menschen, die sich selbst organisieren und sich wechselseitig vertrauen. Durch basisdemokratische Selbstorganisation und kluge Kooperation wird eine Stadt von unten erbaut. Ohne Himmel, den die Hybris von Technokraten erreichen möchte, und ohne einen Herrn, den man um Erlaubnis fragen müsste. So funktionieren heute schon Communities, die sich als dezentrale Netzwerke und Gemeingüterprojekte konstituieren. Sie zu unterstützen und zu ermutigen hätte einer Enzyklika gutgetan, die den Anspruch erhebt, sich gegen das Machtkonglomerat der Tech-Konzerne und den Transhumanismus von Technofaschisten zu positionieren.

In diesem Kontext stellt sich die Frage, wieso Chris Olah, der Mitbegründer von Anthropic als Redner bei der offiziellen Vorstellung der Enzyklika eingeladen war, nicht aber Kritiker der US-Tech-Konzerne. Immerhin arbeitet Anthropic auch nach dem Streit mit Herrn Trump mit Palantir zusammen und Palantir ist die Schöpfung von Peter Thiel, dessen weltanschauliche Fantasien genau jenen Transhumanismus verkörpern, der in der Enzyklika kritisiert wird.

Wohlgemerkt: Ich stimme den Inhalten der Enzyklika im Wesentlichen zu. Es ist ein Dokument, das in vielen Punkten meinen eigenen Überzeugungen entspricht. Die Punkte, die zu klären sind, sollten Gegenstand eines solidarischen Dialogs sein.

[1] Enzyklika von Papst Leo XIV. „Magnifica Humanitas“ (15. Mai 2026), S.19[1] Enzyklika von Papst Leo XIV. „Magnifica Humanitas“ (15. Mai 2026), S.19

2 ebenda S. 17

3 ebenda S. 36

4 ebenda S.40

Gerd Pütz, Bonn