Buchbesprechung unseres Autors Martin Singe:
Bruno Kern, „… den Krieg gründlich verlernen“, Büchner-Verlag, 2025, 148 Seiten, 16,00 €
Das Ende 2025 neu erschienene Buch von Bruno Kern „… den Krieg gründlich verlernen“ stellt sich als kompaktes und umfassendes Kompendium friedenspolitischer Erkenntnisse und Forderungen dar. Auf den 148 Seiten des Buches zieht Kern einen Bogen von Kapitalismuskritik über Klimapolitik und aktuellen Analysen von Krieg und Aufrüstung bis hin zu den Forderungen eines radikalen Pazifismus.
Im Buchcover wird trefflich zusammengefasst: „Wenn wir uns noch eine geringe Chance bewahren wollen, die Überlebenskrise der Menschheit zu bewältigen, dann müssen wir uns zugleich von jeder militärischen Logik radikal verabschieden. … Allein aus ökologischen Gründen können wir uns Rüstung, Militär und Krieg gar nicht mehr leisten. Auch ‚militärische Verteidigung‘ führt sich angesichts der Zerstörungskraft der heutigen Waffen selbst ad absurdum.“
In den Kapiteln 1 und 2 werden die Grundzüge des Kapitalismus im Kontext von Industrialisierung und dem damit verbundenen Wachstumszwang als Beförderer der Klimakatastrophe und als Kriegsursachen beschrieben. Selbst der Transformationsprozess in Richtung erneuerbarer Energien verschärft die Konkurrenz um (seltene) Rohstoffe noch einmal und ist damit kriegsträchtig, solange sich nicht von der Wachstumsideologie selbst verabschiedet wird. Die friedenspolitischen Konsequenzen am Ende dieser beiden Kapitel lauten: Solidarischer industrieller Rückbau, Abwendung von militärischer Durchsetzung geopolitischer Interessen (NATO), Einstellung der Rüstungsproduktion via Konversionskonzepten, Zielsetzung einer „Bundesrepublik ohne Armee“ und Verwendung der freiwerdenden Ressourcen für die aktuellen Menschheitsherausforderungen, Kooperation der Friedensbewegung mit der radikalen Klimagerechtigkeitsbewegung und progressiven Teilen von Organisationen der Zivilgesellschaft.
In Kapitel 3 analysiert Kern kenntnisreich die „Lüge von der Zeitenwende“ und die Hintergründe der neuen Ost-West-Konfrontation, die im Ukrainekrieg gipfelt. Kapitel 4 „Herrschaftsideologien und Gewaltmythen“ beleuchtet verschiedene Aggressionstheorien und geht auch auf das Verhältnis von Religion und Politik ein. Religiöse „Sonder“-Argumente oder Motivationen seien immer in intersubjektiv vermittelbare Argumentationen zu übersetzen, um in einen vernünftigen kritikoffenen Diskurs eingeführt werden zu können.
Hervorzuheben sind m.E. die beiden letzten an einem radikalen Pazifismus orientierten Kapitel 5 und 6 des Buches, „Wider die Nekrophilie. Ethik des Friedens“ und „Schwerter zu Pflugscharen. Religion als Sinnressource und Motivation politischen Handelns“. Anhand der Kriterien des „Gerechten Krieges“, die schon seit dem Mittelalter bis heute (weiter)entwickelt wurden und das „humanitäre Kriegsvölkerrecht“ mitbegründet haben, wird verdeutlicht, dass sich jeglicher Krieg angesichts der modernen Waffenentwicklung für industrielle Massengesellschaften verbietet, auch ein Verteidigungskrieg. Diese Erkenntnis hatte bereits Papst Johannes XXIII. In der hier zitierten Enzyklika „Pacem in Terris“ 1963 mahnend verbreitet: „Darum widerstrebt es in unserem Zeitalter, das sich rühmt, Atomzeitalter zu sein, der Vernunft, den Krieg noch als das geeignete Mittel zur Wiederherstellung verletzter Rechte zu betrachten.“ Denkweise und Praxis der atomaren Abschreckung werden hier – mit Eugen Drewermann – als „pathologischer Vernunft“ entsprungen verurteilt.
Krieg ist also unter keinen Umständen mehr eine rational verantwortbare Option. Maximal dürften polizei-ähnliche Einheiten auf UN-Ebene oder von kollektiven Sicherheitsgemeinschaften – wie ja die traditionellen Blauhelme – für Menschenrechtsschutz vorgehalten werden. Ansonsten gelte „Ohne Waffen, aber nicht wehrlos: Soziale Verteidigung“ als Option für die Zukunft. Zu diesem Ergebnis führt auch die Auseinandersetzung mit der Menschenwürde, der „Unüberbietbarkeit des einzelnen Menschenlebens“, das niemals zum Mittel (wie in allen Militärkonstellationen), sondern immer als Zweck gesehen werden müsse. Kapitel 6 schließlich erläutert religiöse, hier biblisch-theologische Traditionen, hinsichtlich ihrer Entwicklung von kriegsbefürwortenden zu gewaltverurteilenden Optionen bis hin zur gewaltverwandelnden Verheißung „Schwerter zu Pflugscharen“. Die Geschichte Jesu wird als Muster für „Entfeindung und subversives Unterlaufen der Gewalt“ gesehen. Sie hat ihre Wirkmächtigkeit insoweit erwiesen, als Christen der Soldatendienst verboten war, bis das Christentum im 4. Jh. zur Staatsreligion erhoben wurde. Die speziellen Erzählungen aus der jüdisch-christlichen Religionsgeschichte können auch nicht religiösen Menschen als Geschichtserzählungen der Menschheit wertvolle Impulse geben.
Der Autor, der auch schon für unser FriedensForum Artikel verfasst hat, ist promovierter Theologe und Philosoph. Er lebt als freischaffender Autor in Mainz. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen zählen „Das Märchen vom grünen Wachstum“ und „Industrielle Abrüstung jetzt!“.
Insgesamt kann Bruno Kerns inhaltlich umfassendes und angesichts der verhandelten Themenbereiche doch kurz gehaltenes Buch sehr zur Lektüre empfohlen werden. Möge es Pazifist*innen beflügeln und (Noch-)Nicht-Pazifist*innen wertvolle Denkanstöße geben!
Martin Singe arbeitet in verschiedenen friedenspolitischen Zusammenhängen und ist im Redaktionsteam des FriedensForums aktiv.
