In den Texten auf dieser Seite befassen wir uns mit der dunklen Seite der Kirche – dem reaktionären und kriminellen Verhalten von Teilen des Klerus in der kirchlichen Hierarchie. Im Vordergrund stehen hierbei die Verbrechen durch Vergewaltigung und Missbrauch an Kindern und Jugendlichen.
Karl Fäuer
«LASST DIE KINDER ZU MIR KOMMEN!»
Markusevangelium 10,14
Mißbrauch gibt es in der katholischen Kirche nicht erst heute. Bereits vergessen?
Kreuzritter-Gemetzel, Inquisitionsfolter, Hexenverbrennung. Alles schwerlich Empfehlungen Jesu Christi. Vor 45 Jahren befürwortete die deutsche katholische
Bischofskonferenz sogar den atomaren Erstschlag gegen die Sowjetunion. Doch das gottlose Zentralkommittee der KPdSU spielte nicht mit, wählte Herrn Gorbatschow zum Generalsekretär und boykottierte heimtückisch die Versaftung der Menschheit. Zugestanden, das Bedeutungsfeld des deutschen Wortes «Mißbrauch» schließt derartige Ungeheuerlichkeiten auch wohl eher aus.
Den Frevel indes, dessen derzeit zahlreiche katholische Priester und Ordens-
männer bezichtigt werden, als «Mißbrauch» zu bezeichnen, erfüllt den Tatbestand eines Rufmords an der deutschen Sprache. Wäre gewissenlose Nötigung minderjähriger Schutzbefohlener zum Analverkehr lediglich sexueller Mißbrauch, müßte man bewaffneten Banküberfall als Behinderung der Geschäftstätigkeit würdigen. Sodann unterstellt Mißbrauch die gegenteilige Möglichkeit eines Gebrauchs. Was aber unterscheidet sexuellen Gebrauch Jugendlicher, bitte schön, vom Mißbrauch?
Es ist nicht zu fassen! Jugendliche sind durch Einschüchterung, Zwang und Ge-
walt dazu gebracht worden, ihre vier Buchstaben entblößt darzubieten, damit ein zu pädagogischem Handeln verpflichteter Erwachsener mit seinem recht unzölibatären Gemächt buchstäblich, mit Verlaub, im Kot wühlen konnte! So etwas ist nichts anderes als niederträchtige Vergewaltigung! Die aber ist nicht sexueller Mißbrauch, sondern schlicht und schnörkellos ein abscheuliches Gewaltverbrechen.
Von vorschnellen Schuldzuweisungen ist freilich abzuraten. Nicht die Reform-
pädagogik scheint mir ursächlich für deren vermeintliches Versagen, sondern ihre
Vernachlässigung. Nicht katholische Lehre und Ethik sind verantwortlich für die Zustände in katholischen Internaten, sondern ihre Mißachtung. Nicht das Zölibatsversprechen klerikaler Pädagogen in der religiösen Form des feierlichen Schwurs, dem Gelübde, ist schuld, sondern ganz im Gegenteil seine wortbrüchige und meineidige Nichteinhaltung. Triebkraft dieser ganzen kriminellen Misere ist wohl eher die notorische Leibfeindlichkeit, die sich seit Platons Aufspaltung des Menschen in bösen, verderblichen Leib und gute, unsterbliche Seele durch die abendländische Sittengeschichte schleppt bis hin zur heutigen Verkümmerung der Gesundheit zur Fitness, der Leistung zum Erfolg, der Liebe zur Libido.
Vor einiger Zeit erzählte mir ein Bekannter aus Südafrika, wie sein Onkel ihn
etliche Jahre zuvor im Morgengrauen unsanft aus dem Schlaf gerissen und ihm ein Gewehr, geeignet zur Löwenjagd, mit dem Hinweis in die Hände gelegt hatte: «Der Pfarrer hat deine Cousine geschändet.» Als der Pfarrer in der Frühe seine Augen aufschlug, starrte er in zwei Gewehrläufe. Der Onkel drückte ihm einen Genickfänger in die Hand und knurrte: «Schneid sie dir ab oder wir blasen dir das Hirn aus demSchädel.»
Verglichen damit ist der Zölibat eine geradezu humane Einrichtung! Hätten sich
die geistlichen Erzieher gemäß katholischem Gesetzbuch an ihre Zölibatsverpflichtung, nämlich «vollkommene und immerwährende Enthaltsamkeit» (perfectam perpetuamque continentiam can. 277 § 1 CIC) eidgemäß gehalten, wäre ihren Schutzbefohlenen kein Leids geschehen. Der Zölibat, und zwar der Pflichtzölibat, für all jene, die mit ihrer Geschlechtlichkeit ohne Verletzung gesetzlicher und sittlicher Normen nicht zu Rande kommen, vereint Täter mit Opferschutz. Die Alternative wäre Einweisung auch dieser Triebtäter in die geschlossene Psychiatrie. Müssen denn solche kaputten Existenzen unbedingt Priester oder Erzieher werden? Oder, was Gott ver-
hüten möge, etwa heiraten? Wer schützte dann ihre eigenen Kinder vor ihnen?
Nicht Zölibat heißt das Problem der katholischen Kirche, sondern abnehmende
Bildung und zunehmende Entsittlichung ihres klerikalen Führungspersonals, das
Lehre und Beispiel Jesu Christi augenscheinlich weder ausreichend kennt noch begreift, geschweige befolgt. Nicht wenige der katholischen Kleriker sind als Zöglinge und Alumnen vergewaltigt und traumatisiert worden. Noch schweigen sie. Ohne Therapie aber werden aus Opfern skrupellose Täter. Nicht der Zölibat ist das Problem, sondern der fehlende Wille, ihn durchzuhalten und durchzusetzen.
Angemessene Sanktionen im Umgang mit ihren sündigen und ungebildeten Kle-
rikern fehlen der katholischen Kirche eigentlich nicht. Vor fünfzig Jahren war ich
einmal eine Woche lang zu Gast in einem Kartäuserkloster. Dies ist ein kontem-
plativer Eremitenorden mit strenger Observanz, gegründet vor etwa 1000 Jahren von einem Kölner namens Bruno. Neben den Gelübden von Armut, Gehorsam und
Ehelosigkeit unterliegt der Kartäuser absolutem Schweigen, das nur zum Zwecke des Gebets unterbrochen wird, sowie striktem Vegetarismus. Wecken ist um 2 Uhr nachts. Auch lebt er in einer Zelle mit einem Gärtlein dabei, das er mit eigenen
Händen bearbeiten und von dessen Ertrag er seinen Lebensunterhalt bestreiten muß.
Während meines Aufenthalts wurde ich krank. Der Prior sandte mir zur Pflege einen Bruder, dessen Habit und Kranztonsur mir sofort den Franziskaner verrieten. Seine Fürsorge war höchst wirksam – noch nie genas ich so geschwind von einer Grippe – und bestand in der Verabreichung hochprozentiger Kräutertinkturen dreimal täglich: morgens ein Gläschen 40%igen Gelben, mittags 56%igen Grünen und abends zwei Stamperln eines herrlichen 70%igen Klaren. Auch Bruder Bartholomäus durfte sich an meinem Krankenlager neben der gut befeuerten Kartäuserstufe, einem kniehohen, gußeisernen, mit wenig Holz große Wärme erzeugenden Ofen, dessen langes abgewinkeltes Rohr knapp unter der Zimmerdecke die Zelle verläßt, einen genehmigen. Der löste ihm die Zunge. Er greinte und klagte, daß er eine dreijährigeKirchenstrafe abbüßen müsse, weil er sich an einer Schülerin vergangen habe.
Das wäre doch eine Lösung: Klösterlicher Kirchenknast mit eremitischer Einzel-
haft samt strammem Zölibats-Training! Allemal wirksamer als der Duschraum einer Justizvollzugsanstalt, in dem man wahrscheinlich nur das zu tun lernt, wofür man in Freiheit erneut bestraft wird. Sollten die straffälligen Mitglieder des geistlichen Standes allerdings straffrei ausgehen, könnte das südafrikanische Verfahren Nachahmung finden. Das aber walte Gott!
In der in Lublin erscheinenden polnischen „Encyklopedia Katolicka“, die seit
1973 fortlaufend herausgegeben wird und zur Zeit beim Buchstaben N angelangt ist, steht im sechsten Band aus dem Jahre 1993, der sinnreich von «Graal» bis
«Ignorancja» reicht, unter dem Stichwort «Heteroseksualizm» der Eintrag «→
Zboczenia seksualne», was auf Deutsch «siehe sexuelle Perversion» bedeutet. Sie haben ganz richtig gelesen: «Heterosexualität siehe sexuelle Perversion». Und das in einer römisch-katholischen Publikation! Noch Fragen? Ja richtig, der Papst im Jahre 1993 war Pole. Na also!
In Anbetracht der gemächlichen Erscheinungsweise ist damit zu rechnen, daß
der Band mit dem Buchstaben Z erst im Jahre 2050 veröffentlicht wird. Solange
sollen wir also im Hinblick auf die Sexualität der Kleriker im Dunklen tappen. Wir
dürfen es ihnen nicht durchgehen lassen.
Dr. Thomas Kaut, Bonn
Theologe und Historiker
