Das Pontifikat der Barmherzigkeit: 12 Jahre Papst Franziskus
Am 13. März 2013 wurde Jorge Mario Bergoglio vom Konklave zum neuen Papst gewählt. 12 Jahre sind seit jenem Tag vergangen, der den Beginn eines der bedeutendsten Pontifikate in der jüngeren Kirchengeschichte markiert. Es ist das erste postkonziliare Pontifikat, wenn man bedenkt, dass er weder als Papst, wie im Falle Johannes XXIII., noch als junger Berater, wie im Falle von Ratzinger, noch als Bischof, wie im Falle von Luciani und Wojtila am zweiten vatikanischen Konzil teilgenommen hat. Ohne das Wort Barmherzigkeit kann man das Pontifikat von Bergoglio nicht verstehen. Viele Vorgänger haben versucht, einen Schlüsselbegriff für ihr Pontifikat zu formulieren, der als historische oder kulturelle Zuschreibung für ihre Person und darüber hinaus für ihre theologischen Prämissen und ihren Herrschaftsanspruch gelten sollte. Diese Versuche erscheinen jedoch unvollständig und verfehlt, wenn sie nicht in die theologische Kategorie der göttlichen Barmherzigkeit integriert sind.
Die göttliche Barmherzigkeit ist insbesondere die göttliche Haltung, die sich auf den Menschen an der Peripherie der Gesellschaft bezieht, am Rande menschlicher Existenz, um ihn einzubeziehen in die väterliche (göttliche) Liebe. Im apostolischen Brief Misericordia et misera schreibt Francesco: „Die Barmherzigkeit ist keine Parenthese im Leben der Kirche, aber sie konstituiert ihre Existenz. Durch sie wird die tiefe Wahrheit des Evangeliums manifest und nachvollziehbar. Alles wird in der Barmherzigkeit enthüllt; alles wird gelöst in der barmherzigen Liebe des Vaters.“
Man könnte also sagen, dass gemäß dem Papst das gesamte kirchliche Handeln eine Beteiligung an der Bewegung der göttlichen Barmherzigkeit ist, die sich von den Rändern der Gesellschaft ins Zentrum (Herz) entwickelt. Er selbst legt uns nahe, dass Barmherzigkeit ein zentraler Begriff seiner Amtsführung ist, indem er ihn zum Motto seines Pontifikats macht. In seiner episkopalen Konsekration benutzt er den Satz Miserando atque eligendo. Es ist ein Satz aus der Predigt von Beda Venerabilis über eine Episode des Evangeliums von der Berufung des Matthäus und er schreibt: „jesus sah einen Zöllner (Matthäus) und dennoch betrachtete er ihn mit Liebe und sprach zu ihm Folge mir“ Dieser Satz hat eine besondere Bedeutung im Leben des Papstes. Denn 1953, im Alter von 17 Jahren, am Feiertag des heiligen Matthäus, machte Bergoglio eine besondere Erfahrung der liebenden Anwesenheit Gottes, nach einer Beichte. Sein Herz wurde von jener göttlichen Barmherzigkeit berührt, die ihn dazu geführt habe, ein religiöses Leben innerhalb des Ordens der Jesuiten zu führen. Der erwähnte Satz des Beda gibt also nicht nur einen Hinweis auf die Präsenz Gottes im Leben von Bergoglio, sondern ist auch ein explizites Programm, das sein episkopales und pontifikales Wirken charakterisiert.
Bergoglio ist ein Mann, der an der geografischen Peripherie der katholischen Kirche groß geworden ist. 1936 in Buenos aires geboren, Sohn von migrantischen Eltern, ausgebildet in Chile, Argentinien, Spanien, aber niemals in Rom oder im Umfeld der römischen Kurie. Massimo Faglioli lässt uns wissen, dass „es in seinem Lebenslauf keine Perioden des Studiums an der päpstlichen Universität oder Arbeitserfahrung in der Kurie gibt. Seine internationalen Erfahrungen außerhalb von Lateinamerika sind im Hinblick auf seine Vorgänger auf dem Papststuhl limitiert. Er kann keine diplomatische oder akademische Karriere vorweisen, wohl aber eine Tätigkeit als Lehrender und Bischof.“ 1973 wurde er mit nur 37 Jahren zum Provinzial der argentinischen Jesuiten gewählt, um dann 1992 zum Bischof von Auca ernannt zu werden und Erzbischof von Buenos Aires 1998. Seine Haltung ist stark vom sozialpolitischen Kontext Lateinamerikas Ende des vorigen Jahrhunderts beeinflusst worden. Diese Erfahrung ist sicherlich eines der „ideologischen“ Hauptelemente seines Pontifikats, das durch einen einzigartigen Stil und eine herausragende Positionierung gegenüber seinen Vorgängern charakterisiert ist. Der Fokus auf die existenziellen Bedürfnisse der Armen und Ausgegrenzten ist durch persönliche Erlebnisse und ein Pastorat geprägt, das er in Lateinamerika unter dem Einfluss der sogenannten Theologie des Volkes entwickelt hat: Eine Antwort auf die Theologie der Befreiung, die er mehrmals als gefangen in einer ideologischen Matrix getadelt hat. Paradoxerweise wird ihm andererseits vorgeworfen, sein Denken stehe unter dem Einfluss der Theologie der Befreiung. Diese fordert die pastorale Praxis im Geist des Evangeliums für die Befreiung der Unterdrückten im Gegensatz zu einem orthodoxen Glaubensbekenntnis, das keine Verantwortung für die sozialen Verhältnisse der Unterdrückten übernimmt.
Viele Attribute seiner Einzigartigkeit sind offensichtlich: Er ist der erste Papst, der nicht aus dem etablierten europäischen Klerus kommt, der erste Jesuit, der erste, der seine Kniee vor dem Volk beim Gebet anlässlich seiner Einführung beugt, der erste, der die Porta Santa im Gefängnis öffnet, der erste, der am Gründonnerstag Frauen und Andersgläubigen die Füße wäscht und dadurch mit einer Tradition bricht, die bis dahin diesen Ritus lediglich für Menschen innerhalb des Kreises der katholischen Kirche vorgesehen hat.
Schon 2016 wurden seine Aussagen als „Enzyklika der Praxis“ bezeichnet. Ich halte diese Aussage für eine nicht begründbare Interpretation, so als ob er eine enge Verbindung zu den Grundsätzen der Theologie der Befreiung habe. Es geht ihm offensichtlich um eine Lehre der Doktrin, die sich auf einer höheren Ebene befindet. Zwar erkennt man in seinen Enzykliken eine positive Rezeption der praktischen Orientierungen der Theologie der Befreiung. Er bejaht die Präferenz der „Orthopraxis“ gegenüber der „Orthodoxie“, aber sein seine Lehre reicht über den Horizont der reinen Praxis hinaus.
Die Aussagen von Franziskus nicht lediglich als Ersatz für eine doktrinäre Lehre verstanden werden, sondern als Zeugnis einer pastoralen Aktivität, die sich aus dem Evangelium ableitet und insbesondere auf den Begriff der Barmherzigkeit Gottes gerichtet ist. Die Lehre des Papstes ist als theologisch dürftig kritisiert worden. Seine erste Enzyklika Lumen Fidei behandelt jedoch das Thema des Glaubens und wurde zum großen Teil von Benedikt XVI. als zusammenfassendes Dokument einer Serie von Texten, die sich mit zwei anderen religiösen Tugenden ( Spe salvi und Deus caritas est e Caritas in veritate) beschäftigen, vorbereitet. Die beiden ersten von Franziskus selbst verfassten Enzykliken befassen sich nicht mit theologischen Themen im engeren Sinne. Laudato si befasst sich im Wesentlichen mit der Erhaltung der Schöpfung, während Fratelli tutti vor allem soziale und gesellschaftspolitische Fragen behandelt. Man kann sehen, dass auch in der Chronologie seiner Dokumente mit der Autorität des päpstlichen Lehramts die ganzheitliche Sicht der Barmherzigkeit Gottes in Bezug auf alle menschlichen Handlungsebenen und alle Orte der Welt manifestiert wird.
Man darf darüber hinaus auch nicht vergessen, dass Bergoglio der erste Papst ist, der sich den Namen Franziskus gibt. Er weist damit symbolisch auf sein Verständnis einer Kirche der Armen, der Sorge für die Schöpfung und des Zwangs zum sozialen Miteinander hin: Ein Papst, der an der Spitze der kirchlichen Hierarchie steht, aber sein Herz im Sinne der Barmherzigkeit den Ausgegrenzten und Armen schenkt.
Gerd Pütz auf der Basis eines Artikels im Portal Treccani von Luca Colacino, 13. März 2025
