Ostermarsch 2025
Seit 1960 demonstrieren Aktivistinnen und Aktivisten alljährlich zu Ostern für den Frieden. Atomkriegsgegner starteten damals den ersten Ostermarsch in Deutschland. Drei Tage lang marschierten 1.960 Demonstranten in Richtung NATO-Truppenübungsplatz Bergen-Hohne im Süden der Lüneburger Heide.
Auch im Jahr 2025 fanden in zahlreichen Städten und Gemeinden der Bundesrepublik Demonstrationen und Kundgebungen statt. Auf der Bonner Kundgebung, an der über 500 Menschen teilgenommen haben, hat unser Mitglied Ulrich Kollwitz eine Rede gehalten, deren Text wir hier veröffentlichen:
Wege zum Frieden – Rede von Uli Kollwitz auf dem Ostermarsch 2025
Liebe Friedensbewegte!
Wenn ich beim heutigen Ostermarsch hier in Bonn die Schlussworte sprechen darf, möchte ich das auf der Grundlage meiner Erfahrungen tun, die ich in Kolumbien gemacht habe, in einem durch nicht enden wollende, bürgerkriegsähnliche Gewalt erschütterten Land. Der Konflikt in Kolumbien zwischen einer kleinen sehr reichen Oberschicht und einer mehrheitlich schon seit langem in die Verarmung getriebenen Bevölkerung spielt zwar in einer anderen Liga als die geopolitischen interessen der Grossmächte und ihrer Verbündeten oder Vasallen. Trotzdem sehe ich grundlegende Gemeinsamkeiten in Bezug auf das Anliegen, das uns hier zusammenführt, der Suche nach Wegen zum Frieden.
Der Wunsch nach Frieden wurde in Kolumbien immer dringlicher, je länger sich der bewaffnete Konflikt hinzog und je mehr Opfer er unter der nicht bewaffneten Zivilbevölkerung forderte, die stets zwischen den Fronten stand. Denn die traditionelle Rechtfertigung militärischer Gewalt durch die ständige Propaganda eines Feindbildes nach dem Denkschema: “Wir sind die Guten, der Gegner ist der Böse“ führte sich nach und nach ad absurdum. Den schönen, heroischen Worten, egal von welcher Seite, schenkten die Menschen immer weniger Glauben, weil sie merkten: wer im Krieg ethische Prinzipien aufrecht erhalten will, geht unweigerlich militärisch unter und wer sich im Kriegsgeschehen behaupten will, sieht sich früher oder später gezwungen, ethische Grundsätze über Bord zu werfen.
Trotzdem bestimmte das Argument: „Dialog ist zwecklos, der Gegner will ja überhaupt nicht reden“, lange Zeit das Denken. Schlimmer noch, es wurde behauptet: „Mit dem Gegner darf man gar nicht reden, denn die Guerrilleros sind doch Terroristen, Verbrecher, Drogenhändler“ und auf der anderen Seite: „Die Regierenden sind Nazis und üben Staatsterror aus“. Unser Bischof Jorge Iván Castaño, Leiter des armen Bistums Quibdó im tropischen Regenwald der Pazifikregion, setzte dieser Logik folgende Haltung entgegen: „Um Opfern der Gewalt zu helfen und Menschenleben zu retten, rede ich mit jedem, sogar mit dem Teufel.“ Und eigenartigerweise riefen jedes mal, wenn Soldaten oder Polizisten gefangengenommen wurden, deren Vorgesetzte sofort bei ihm an und baten um Vermittlung. Angesichts eines derartigen Opportunismus fragten wir uns dann zu Recht: „Wer ist denn hier eigentlich naiv? Sind es diejenigen, die auf Dialog vertrauen oder die, welche nur auf den Einsatz von Waffengewalt bauen? Genau diese Frage könnten wir übrigens auch hier und jetzt all denen stellen, die uns Ostermarschierer für naiv erklären, weil sie davon überzeugt sind, dass nur mit Drohung, Abschreckung und Aufrüstung Frieden und Wohlstand gesichert werden kann und deshalb das deutsche Volk wieder kriegstüchtig machen wollen. Wer ist hier naiv?
Schlussendlich kam jedenfalls der Moment, dass sowohl die kolumbianische Regierung als auch die größte Guerrillaorganisation FARC sich zu Friedensverhandlungen bereit erklärten. Doch solange nur die bewaffneten Konfliktparteien am Tisch saßen, blieben die Verhandlungen immer wieder stecken. Erst als unter tatkräftiger Initiative der UNO fünf Delegationen mit jeweils zwölf Vertretern der Kriegsopfer, der Vertriebenen, der ethnischen Minderheiten und der Frauenorganisationen nacheinander an den Gesprächen beteiligt wurden, kam Bewegung in die Verhandlungen. So wurde vor einem Jahrzehnt der Weg zur Unterzeichnung des langersehnten Friedensabkommens geebnet. Und auch wenn die Umsetzung bis heute noch manches zu wünschen übrig lässt, war es doch ein Riesenschritt auf dem Weg heraus aus der Gewaltspirale hin zu einem stabilen Frieden. So weit das Beispiel Kolumbien.
Uns hier treibt uns jetzt allerdings eine andere Sorge um. Wie können wir inmitten einer Welt, die aus den Fugen zu geraten droht, den Frieden, den wir hierzulande jahrzehntelang einigermassen stabil leben durften, auch für die Zukunft sichern? Dass über dieses Thema so grosse Uneinigkeit herrscht, liegt offensichtlich an einem fehlenden Konsens, was überhaupt konkret gesichert werden soll. Ist es unser Wohlstand, an den wir uns so sehr gewöhnt haben? Ein Wohlstand, der sich messen lässt am Konsumniveau, am Verbrauch von Ressourcen und Energie, am Bruttosozialprodukt und den Anteilen am Welthandel? Das wäre ein Privilegfrieden für eine Minderheit frei nach dem Sprichwort des römischen Imperiums: Wenn Du den Frieden willst, bereite den Krieg vor. So denkt, wer der Kriegslogik folgt.
Eine vernünftige Friedenslogik beinhaltet dagegen die Suche nach Wegen, die menschenwürdige Lebensbedingungen für alle Völker, für alle Kulturen in allen Ländern der Erde ermöglichen und garantieren. Länder wie Kolumbien zählten wir früher zur sogenannten Dritten Welt. Heute sprechen wir besser vom globalen Süden, der sich in einem bemerkenswerten Emanzipationsprozess befindet, eine Tatsache, die dringendst von allen Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft zur Kenntnis genommen werden sollte. Um die Geschicke der ganzen Welt zu einem guten Ende zu führen, brauchen wir daher mehr UNO und weniger Nato! Besser gesagt: Wenn wir uns auf dieses Ziel einigen, dann brauchen überhaupt keine NATO, die vor ein paar Jahren zu Recht für hirntot erklärt wurde und jetzt durch bisher nie dagewesene Transfusionen künstlich am Leben gehalten werden soll.
Wir brauchen eine reformierte UNO ohne Vetomächte, die das seit ihrer Gründung gültige Gewaltverbot effektiv durchsetzen kann. Für dieses Ziel zu kämpfen ist keineswegs hoffnungslos. Auch wenn wir hier im Moment nur ein paar Hundert sind, in den Ländern des globalen Südens stehen große Mehrheiten hinter diesem Ziel. Und wenn wir fähig sind, über alle Ideologien hinweg zusammenzuarbeiten, bin ich überzeugt, dass wir auch hier unter unseren Mitbürgern in Deutschland eine Mehrheit für dieses Ziel erreichen.
Vielen Dank!
Uli, der Mitglied unserer Initiative ist, hat 40 Jahre als katholischer Priester in der Menschenrechtsarbeit – immer auf der Seite der Unterdrückten und gegen die Gewalt der Herrschenden – in Kolumbien gearbeitet.

